Geisteswissenschaft, Natur: Wissenschaft, Technik Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft, Technik
## GA 73a — 17 June 1920, Stuttgart
### Geisteswissenschaft, Natur: Wissenschaft, Technik Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft, Technik
Öffentlicher Vortrag, gehalten für Studenten der Technischen Hochschule
Meine sehr verehrten Anwesenden, Kommilitonen! Wenn ich heute versuchen werde, vor Ihnen einiges aus dem Gebiet desjenigen darzulegen, was ich seit einer Reihe von Jahren anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nenne, so geschieht es in dem Bewußtsein, daß ich am heutigen Abend in einem gewissermaßen ersten Vortrag nichts anderes werde geben können als einige Anregungen, und daß ich mir durchaus nicht die Illusion mache, daß durch eine solche Darlegung gleich im Handumdrehen irgendeine Überzeugung hervorzurufen ist. Es wird aber vielleicht möglich sein, daß nach der allgemeinen Charakteristik, die ich geben werde, in der darauf folgenden Aussprache spezielle Wünsche befriedigt werden können und spezielle Fragen behandelt werden können.
Ich möchte, um unsere Zeit nicht allzusehr auszudehnen, sogleich eingehen auf das zunächst Wesentliche, und das ist: eine Charakteristik dessen zu geben, was Geisteswissenschaft in anthroposophisch orientiertem Sinne eigentlich sein will. Sie unterscheidet sich von dem, was man gewöhnlich Wissenschaft nennt, durch die Methode ihrer Forschung. Und sie ist überzeugt davon, daß gerade ein ernstes, ehrliches Wollen in der Wissenschaft der neuesten Zeit, konsequent verfolgt, zu ihrer Methode schließlich führen muß. Ich möchte zu Ihnen durchaus in einem wissenschaftlichen Sinne sprechen, bin ich ja doch selbst wahrhaftig nicht ausgegangen von irgendeiner Anschauung der Theologie, nicht von irgendwelchen Weltanschauungsfragen oder Philosophien in dem Sinne, wie sie gewöhnlich gepflegt werden, sondern bin ich doch selbst ausgegangen von technischen Studien. Und aus technischen Studien selbst heraus hat sich mir diese Geisteswissenschaft als eine Notwendigkeit unserer geschichtlichen Entwicklungsperiode ergeben. Daher darf ich mich besonders freuen, am heutigen Abend gerade zu Ihnen sprechen zu können.
Wenn wir Naturwissenschaft treiben, so haben wir im Sinne des heutigen Denkens zunächst etwas vor uns, was sich um uns herum ausbreitet als die Welt der sinnlichen Tatsachen. Und wir verwenden dann unser Denken, wir verwenden namentlich unser methodisch geschultes Denken dazu, aus einem entsprechenden Verfolgen dieser sinnlichen Tatsachen Gesetze zu finden. Wir suchen nach dem, was wir gewohnt sind zu nennen Naturgesetze, historische Gesetze und so weiter. Diese Art, sich zur Welt zu stellen, ist nun durchaus nicht etwas, was die Geisteswissenschaft etwa ablehnt, sondern sie will sich auf den festen Boden dieser Forschung stellen. Nur forscht sie, auf diesem festen Boden stehend, ich möchte sagen, indem sie vom Gesichtspunkt des menschlichen Lebens selbst ausgeht. Sie kommt, gerade weil sie ernst machen möchte mit naturwissenschaftlicher Forschung, einfach an jene Grenze naturwissenschaftlicher Erkenntnis, welche von besonnenen Naturforschern durchaus zugegeben wird. Und sie steht mit Bezug auf das, was Naturwissenschaft sein kann, ganz auf dem Boden derjenigen, die da sagen: In der Zusammenfasssung der äußeren Tatsachen dringen wir mit wissenschaftlicher Methodik bis zu einer gewissen Stufe vor, können aber nicht über eine gewisse Grenze hinauskommen, wenn wir auf dem Boden dieser naturwissenschaftlichen Forschung selbst stehenbleiben.
Aber dann, wenn das erreicht ist, was im gewöhnlichen Leben und auch in der gewöhnlichen Naturwissenschaft angestrebt wird, dann beginnt erst dasjenige, was die hier gemeinte Geisteswissenschaft will. Wir kommen, indem wir denkend die Tatsachen um uns herum verstehen, zu gewissen Grenzbegriffen. Ich erwähne hier nur solche Grenzbegriffe, gleichgültig ob man sie nun auffaßt als bloße Funktionen oder als Realitäten, Grenzbegriffe wie Atom, Materie und so weiter. Wir operieren wenigstens mit ihnen, auch wenn wir hinter ihnen keine dämonischen Wesenheiten suchen. Diese Grenzbegriffe, Grenzvorstellungen, die uns ganz besonders auch entgegentreten, wenn wir die für die Technik grundlegenden naturwissenschaftlichen Zweige verfolgen, die stehen gewissermaßen wie Pfeiler da. Und man bleibt, wenn man innerhalb der gewöhnlichen Wissenschaft stehen will, durchaus eben vor diesen Grenzpfeilern stehen.
Für den Geistesforscher, wie ich ihn hier meine, beginnt aber an diesen Grenzpfeilern erst die eigentliche Arbeit. Da handelt es sich darum, daß der Geistesforscher in dem, was ich Meditation nenne - bitte stoßen Sie sich nicht daran, es ist ein technischer Ausdruck wie andere auch -, in einen gewissen inneren Kampf kommt, in ein inneres Kämpfen des Lebens mit diesen Begriffen, mehr oder weniger mit allen Grenzbegriffen der Naturwissenschaft. Und dieser innere Kampf, er bleibt für ihn nicht unfruchtbar.
Ich muß dabei eines Mannes gedenken, der hier in dieser Stadt, an dieser Hochschule, in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gelehrt hat und der immer wieder und wiederum diesen Kampf betonte, in den der Mensch hineinkommt, wenn er an die Grenze der gewöhnlichen Wissenschaft kommt. Es ist Friedrich Theodor Vischer, der etwas wußte von dem, was der Mensch erleben kann, wenn er ankommt bei den Begriffen Materie, Atom, Naturgesetz, Kraft und so weiter. Nicht in einem Hinbrüten besteht dasjenige, was ich hier meine, sondern es besteht darin, daß alles zu Rate gezogen wird im Innern unserer Seele, was zu diesen Begriffen geführt hat, daß wir versuchen, mit diesen Begriffen meditativ zu leben.
Was heißt das eigentlich? Es heißt, in sich die innere Disziplin zu begründen, hinschauen zu können, geradeso wie man sonst auf die äußeren Objekte hinschaut, auf das, was man endlich in der Seele hat, wenn man bei einem solchen Grenzbegriff ankommt; ich könnte Ihnen viele andere nennen, als die, die ich eben genannt habe. Dann, wenn man versucht, mit Abstraktion von allem übrigen Erleben streng den ganzen Umfang des Seelischen auf solche Begriffe zu konzentrieren, dann macht man eine innerliche Entdeckung. Und diese innerliche Entdeckung, sie hat etwas Erschütterndes. Nämlich sie zeigt uns, daß von einem gewissen Punkte des Lebens aus, des inneren Lebens aus, unsere Begriffe etwas werden, was durch sich selbst in unserer Seele wächst, was anders sich verhält nach solcher inneren meditativen Arbeit, als es sich verhält, wenn wir es nur als das Resultat äußeren Beobachtens nehmen. So wie wir beim heranwachsenden Kinde beobachten, wie gewisse Organe, die zuerst mehr undifferenziert hervortreten, differenzierter werden, wie wir wahrnehmen, wie Organe wachsen, so fühlen wir bei einer solchen meditativen Hingabe an die Resultate wissenschaftlichen Erlebens, wie ein innerliches Wachstum der Seele stattfindet. Und dann kommt das Erschütternde, daß man sich sagt: Nicht durch eine Spekulation, nicht durch spekulative Philosophie kommt man weiter über das hinaus, was man die Grenze des Naturerkennens nennt, sondern durch unmittelbares Erleben, also dadurch, daß man dasjenige umwandelt, was man durch Denken gewonnen hat, in innerliches Erleben des Anschauens.
Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist der erste Schritt, der getan wird. Es ist eben durchaus zu spüren, wie die Methode eine ganz andere wird und wie daher gegenüber der gewöhnlichen wissenschaftlichen Methode, die mehr als von irgend jemandem auch von mir objektiv anerkannt werden kann, etwas ganz Neues eintritt, indem das bloße Denken, das bloße Erfassen, übergeht in inneres Erleben. Und dann tritt eben durch ein konsequentes, geduldiges, ausdauerndes Erleben in dieser Richtung dasjenige ein, was zum Schluß nicht anders benannt werden kann als ein Erleben eines geistigen Daseins. Man kann von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft aus nicht auf eine andere Art sprechen über das Erleben der geistigen Welt. Denn dieses Erleben der geistigen Welt, das ist nicht etwas, was dem Menschen angeboren ist. Es ist etwas, was von dem Menschen eben errungen werden muß. Kommt man bis zu einer gewissen Stufe dieses Erlebens, dann merkt man, daß dieses Denken, das wir sonst ausüben, das sonst unser Werkzeug ist zum Erfassen der Umwelt, daß dieses Denken doch in einem anderen Verhältnis zu unserer ganzen Leibeswesenheit steht, als man eigentlich anzunehmen gezwungen ist aus dem bloßen Naturerkennen heraus.
Aus dem bloßen Naturerkennen heraus bemerkt man, wie mit den körperlichen Veränderungen und Umwandlungen, mit dem jugendlichen Alter, mit dem Greisenalter und so weiter, sich auch die seelischen Zustände ändern. Mit dem naturwissenschaftlichen Denken kann man physiologisch weitergehen. Man kann zeigen, wie tatsächlich in dem Nervensystem, im Gehirn ein Ausdruck dessen vorhanden ist, was die Struktur, die Konfiguration unseres Denkens ist. Und man kann da, wenn man von einer Seite her konsequent die Sache verfolgt, sagen: Ja, es geht aus irgend etwas, was natürlich heute höchstens hyporhetisch festgestellt werden könnte, dasjenige hervor, was Denken, was Leben in Gedanken ist.
Derjenige, der das so weit innerlich erlebt hat, was ich charakterisiert habe als erlebbar, der spricht anders, der sagt: Wenn man geht, meinetwillen über eine aufgeweichte Straße, oder wenn ein Wagen über eine aufgeweichte Straße fährt, dann hat man den Eindruck von Furchen, von Tritten. Es wäre offenbar ganz falsch, wenn man nun - nur weil man es nicht weiß — die Theorie aufstellte, es müßte ein außerirdisches Wesen gewesen sein, durch das diese Tritte, diese Furchen entstanden sind, oder wenn man die Hypothese aufstellte, unter der Erdoberfläche seien gewisse Kräfte, die so wirken, daß sie diese Tritte, diese Furchen bewirkt haben.
So sagt man — und ich sage ausdrücklich, mit gewissem Recht - aus der naturwissenschaftlichen Berrachtung heraus: Das, was physiologische Gestaltung des Gehirns ist, das ist es doch, was zum Schluß in der Funktion des Denkens zum Ausdruck kommt. Derjenige, der das erlebt hat, was ich charakterisiert habe, der sagt nicht so; er sagt: So wenig diese Tritte und Furchen von innen heraus aufgeworfen sind durch innere Kräfte der Erde, sondern wie irgend etwas darübergefahren oder -gegangen ist, so ist das physische Gehirn von dem leibfreien Denken in seine Furchen versetzt worden. Und dasjenige, was noch in einer gewissen Weise, wenn wir durch die Geburt ins physische Dasein getreten sind, diese Furchen verändert, das ist es auch, was heruntersteigend aus geistigen Welten überhaupt die Arbeit verrichtet, diese Furchen erst auszugestalten.
Man kommt also auf diese Weise darauf, daß das Seelische durchaus das Aktive ist, durchaus dasjenige ist, was das Leibliche erst gestaltet. Ich weiß, meine sehr verehrten Anwesenden, daß selbstverständlich Hunderte von Einwänden gemacht werden können gegen das, was ich sage, wenn man bloß vom intellektualistischtheoretischen Standpunkt ausgeht. Allein, Geisteswissenschaft muß eben hinweisen auf das Erleben, sie muß hinweisen darauf, daß man bis zu diesem Erleben mit Berechtigung glaubt, aus dem leiblichen Gehirn heraus entstehe das Gedankenleben als eine Funktion, während man, wenn man dieses Gedankenleben nun selbst erlebt, weiß, wie es in sich selbst aktiv, wie es in sich selbst wesenhaft und in Bewegung ist und wie es das eigentlich Aktive ist gegenüber dem Passiven der Leiblichkeit.
So also ist das, was gewissermaßen als ein erstes Ausgangserlebnis dasteht, etwas, was nicht durch eine gradlinige Fortsetzung der gewöhnlichen wissenschaftlichen Methoden gewonnen wird, sondern nur durch eine Metamorphose, nur durch eine Umgestaltung der gewöhnlichen wissenschaftlichen Methode in eine Methode, die nur erlebt werden kann, die nicht in einem Spekulieren besteht, sondern in einem innerlichen Erleben.
Das ist die eine Seite. Die andere Seite dieses inneren Erlebens bezieht sich mehr auf die innere Willensentwicklung des Menschen. Wir können, indem wir unser Leben betrachten, hinsehen auf Verwandlungen, die wir im Leben durchgemacht haben. Wir denken zurück, wie wir in innerlich-seelischer, in äußerlich-leiblicher Verfassung waren vor einem, vor fünf, vor zehn Jahren, und wir sagen uns: Wir haben Veränderungen, Verwandlungen durchgemacht. - Diese Veränderungen, diese Verwandlungen, die wir durchmachen, wie machen wir sie durch? Wir geben uns in einer gewissen Weise passiv der Außenwelt hin. Wir brauchen ja nur wirklich zu sagen: Hand aufs Herz, wie weit sind wir aktiv in dem, was wir zunächst durch die äußere Welt geworden sind? Die äußere Welt, Vererbung, Erziehung und so weiter, sie gestaltet uns; und das, was uns darin gestaltet, wirkt weiter nach. Da sind wir in der Regel eigentlich die Passiven. Wenn man nun das umgestaltet in Aktivität, wenn man daraus das bildet, was man im eminentesten Sinne nennen könnte Selbst-Willenszucht, und zwar in der Weise, wie ich es gleich charakterisieren werde, so tritt das zweite Element zu dem hinzu, was wir als erstes Element auf dem Wege der Geistesforschung charakterisiert haben. Wenn man es nämlich dahin bringt - und das kann nur durch methodische Schulung in dem Sinne erreicht werden, wie es dargestellt wurde in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in anderen Büchern -, wenn man es durch die methodische Schulung dazu bringt, sich zu sagen: ich will mir einmal, wenn auch nur einen kleinen Teil desjenigen, was in mir entstehen soll, vornehmen; ich will mir vornehmen, daß dieses oder jenes eine Eigenschaft von mir werden soll -, und wenn ich es dahin bringe, eine solche Eigenschaft durch eine starke Erregung des Willens wirklich, vielleicht erst nach Jahren, in mir zu erzeugen, wenn ich das, was ich sonst nur passiv im Leben werde, aus mir selber mache, wenn ich meinen Willen, wenn ich es etwas paradox ausdrücken darf, in die Hand nehme und meine Entwicklung voll in die Hand nehme - in einem gewissen Teil kann man es selbstverständlich nur -, dann tritt auch das noch dazu ein, daß dasjenige, was sonst bloß Gedächtnis ist, bloß Erinnerung ist, in einer gewissen Weise zu einem realen Gebiet sich zusammenschließt. Man überschaut gewissermaßen sein Leben wie etwas, was man in einer Reihe überschaut, und man gelangt dann dazu, den Willen in seiner wahren Charaktereigenschaft kennenzulernen.
Während man das Denken kennenlernt als etwas, was eigentlich, je mehr man in das Leben hineinrritt, sich vom Leiblichen loslöst, kommt man dazu, seinen Willen so erkennen zu lernen, daß er eigentlich immer mehr und mehr das Leibliche erfaßt, immer mehr und mehr uns durchdringt, uns durchfließt, und daß im Grunde genommen der Tod nichts anderes ist als ein Kampf des Willens mit den leiblichen Funktionen so, daß die Leibesfunktionen an einer gewissen Grenze angekommen sind, wenn wir durch einen früheren oder späteren Tod hindurchgehen, und daß dann dasjenige, was nicht mehr unseren Leib so bearbeiten kann, der Wille, vollständig aufgeht in dem, was der Leib tut, daß dieser Wille sich loslöst und daß ein Element der Seele nun tatsächlich in eine reale, in eine geistige Welt tritt, wenn wir mit dem Tode abgehen.
So handelt es sich also darum, daß das, was man im gewöhnlichen Sinne die Unsterblichkeitssidee nennt, nicht durch irgendeine Spekulation von der hier gemeinten Geisteswissenschaft verfolgt wird, daß im Grunde genommen diese Geisteswissenschaft vollständig bricht mit der Art und Weise, wie sich die Welt gewöhnlich dieser Idee nähert. Es handelt sich darum, daß Geisteswissenschaft eigentlich als eine Fortsetzung naturwissenschaftlicher Forschung durch Gedankenund Willenszucht dahin gelangt, das, was wir in uns tragen, Denken und Wollen, in seiner Ausgestaltung so zu erfassen, daß man es auch dann erfaßt, wenn dieses Seelische, das im Denken und Wollen lebt, eben leiblos lebt in einer Weise, wie es nicht mehr von den Sinnen erreicht werden kann.
Gewiß, es ist nun einmal so, daß das, was ich Ihnen hier in aller Kürze auseinandergesetzt habe, von den weitesten Kreisen unserer Gegenwart als etwas Phantastisches, Schwärmerisches angesehen wird. Allein, wie sollte das anders sein? Alles, was einmal neu in die Welt tritt und scheinbar dem widerspricht, was schon da war, wird zunächst als etwas Phantastisches, Schwärmerisches angesehen. Aber ich glaube nicht, daß es für alle Zeiten so sein wird, daß man nicht anerkennen wird, daß das, was hier als die Methode der Geisteswissenschaft wenigstens in zwei ihrer charakteristischen Elemente geschildert worden ist, nur eine Fortsetzung, aber eine lebensvolle Fortsetzung desjenigen ist, was Naturwissenschaft eigentlich erreicht, aber womit Naturwissenschaft an eine bestimmte Grenze kommt.
Wenn man heute vom Geist spricht im allgemeinen, so wird einem das ja schon nicht mehr ganz übel genommen. Das war so noch im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, wo man in einer gewissen materialistischen Art aus den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen heraus eine Weltanschauung gebildet hat, die eigentlich nur die letzte Konsequenz des naturwissenschaftlichen Denkens selbst ziehen wollte. Heute ist es schon wieder gestattet, wenigstens in spekulativer Weise vom Geiste zu sprechen. Aber das wird einem noch gar sehr übel genommen, wenn man in der Weise vom Geiste spricht, wie ich es eben getan habe, denn das hat eine gewisse Konsequenz.
Wenn man sich das angeeignet hat, was ich in meinem Buche «Vom Menschenrätse» das «schauende Bewußtsein» genannt habe, wenn man sich das angeeignet hat, was aus einem so entwickelten Denken und Wollen hervorgeht, dann weiß man sich in der Tat durch dieses schauende Bewußtsein in einer geistigen Welt — geradeso wie man sich durch seine Augen und Ohren in einer farbigen und tönenden Welt weiß. Es erfüllt sich einem gewissermaßen dasjenige, was in der Umgebung ist, mit Geist. Geradeso wie sich für einen Menschen, der blind geboren ist und operiert wird und von einem bestimmten Moment seines Lebens an die Farben sieht, die Farbenwelt eröffnet, wie für ihn die Welt, die vorher in seiner Umgebung war, nun mit etwas anderem erfüllt wird, so ist es, wenn dieses schauende Bewußtsein eintritt. Es erfüllt sich die Welt, die man bisher gewohnt war, als die Welt der Sinne und des kombinierenden Verstandes anzuschauen, mit Geistigkeit. Und der Geist wird etwas Konkretes. Der Geist wird etwas, das man auch in seiner konkreten Gestaltung verfolgen kann. Man spricht nicht mehr im allgemeinen vom Geist. Wenn jemand im allgemeinen vom Geist spricht, so ist es, wie wenn ein Mensch über eine Wiese geht, wo Blumen stehen. Wenn man ihn fragt: Was ist das für eine Blume und was ist jenes für eine Blume? -, so sagt er uns: Das sind alles Pflanzen, Pflanzen, Pflanzen. — So gestattet man den Menschen heute auch zu sagen: Hinter der Sinneswelt ist eine geistige Welt. - Dabei kann aber die Geisteswissenschaft nicht stehenbleiben, sondern sie muß die geistigen Tatsachen im Konkreten so untersuchen — weil eben die geistige Welt um uns herum ist wie die farbige oder die tönende Welt -, wie man sonst mit den Sinnen und dem kombinierenden Verstand diese farbige und tönende Welt untersucht. Und da eignet man sich vor allem anderen eine ganz bestimmte Art an, sich zur Welt zu stellen. Es ist ja auch so, daß, wenn man blind geboren ist und plötzlich sehend wird, man sich ein anderes Verhältnis zur Welt aneignet. Man muß sich erst orientieren; man weiß nichts über die Raumperspektive, man muß sie erst lernen. So muß man sich natürlich auch ein bestimmtes Verhältnis, eine bestimmte Stellung zu der Welt aneignen, wenn man in das schauende Bewußtsein übergeht. Dann erscheint einem manches in einer eigenartigen Weise. Deshalb wird der Geistesfoscher von den Zeitgenossen noch mißverstanden.
Sehen Sie, der Geistesforscher sagt ja niemals, daß das, was durch die Methode der strengen Naturwissenschaft gewonnen ist, auch dasjenige, was als die Konsequenzen aus diesen Ergebnissen der strengen Naturwissenschaft gezogen ist, in irgendeiner Weise logisch unrichtig verfolgt sei oder dergleichen, aber er ist genötigt, zu dem aus seiner Geistesschau etwas hinzuzufügen, was dann allerdings nicht bloß hinzuaddiert ist, sondern was die Resultate der Naturwissenschaft in vieler Beziehung ganz ändert.
Nehmen Sie zum Beispiel die Geologie. Ich will ein Beispiel herausgreifen. Es ist besser, sich über konkrete Fragen zu unterhalten, als in allgemeinen Redensarten zu phrasieren. Ich verstehe vollständig und konnte selbst diese Methode verfolgen: Wenn man aus dem, was sich heute abspielt um uns herum in den Formationen des Gesteins, in den Ablagerungen der Flüsse und Gewässer und so weiter, die aufeinanderliegenden geologischen Schichten untersucht und dann ausrechnet — wenn das Betreffende auch nicht immer eine wirkliche Rechnung ist, sondern nur etwas Approximatives—, wenn man da ausrechnet, wie lange diese jeweiligen Gesteinsschichten schon bestanden haben, dann kommt man zu den bekannten Größenzahlen. Und man kommt dann, wie Sie alle wissen, bis zu jenem Anfang der Erdenentwicklung, wo die Erde - wie man hypothetisch annimmt -, aus irgend etwas sich herausgebildet hat, aus einer Art von Urnebel oder dergleichen. Ich brauche das nicht näher auseinanderzusetzen. Sie kennen das alles.
Aber für den Geistesforscher ist es so, einfach dadurch, daß er solches erlebt hat, wie ich es Ihnen geschildert habe - allerdings nur skizzenhaft, um anzuregen, nicht um zu überzeugen -, für den Geistesforscher ist es so, daß er sich sagen muß: Ich nehme einmal an, daß jemand die Veränderungen eines menschlichen Organismus untersucht, sagen wir die Veränderungen des Herzens jeweils nach fünf Jahren. Ich verfolge, wie sich das menschliche Herz oder ein anderes Organ im Verlaufe von fünf, von zehn Jahren ändert, was da geschieht. Und nun rechne ich aus, wie dasjenige, was sich mir da dargestellt hat, wenn ich einfach konsequent zurückschließe aus dem, was ich mir errechnet habe, wie das vor dreihundert Jahren war. Da bekomme ich, allerdings rein rechnerisch, ein bestimmtes Resultat heraus, wie dieses menschliche Herz vor dreihundert Jahren war. Nur ist just dagegen einzuwenden, daß dieses Herz dazumal noch gar nicht vorhanden war. Genauso richtig wie die geologische Betrachtungsweise, wäre auch diese Betrachtungsweise, aus den kleinen Veränderungen des menschlichen Herzens zu schließen, wie dieses Herz vor dreihundert Jahren war —- nur war es dazumal noch gar nicht da. Ebenso richtig - denn ich erkenne durchaus an, daß das, was die Geologie erschließt, wenigstens eine relative Richtigkeit hat - ist auch alles das, was erschlossen wird aus den geologischen Tatsachen für die Entwicklung der Erde. Aber wir versetzen dann das, was sich uns ergibt als Konsequenz unserer Rechung, in Zeiten, in denen die Erde in ihrer jetzigen Form noch nicht vorhanden war. Oder wir versetzen, indem wir einen Endzustand ausrechnen und von einer Entropie oder dergleichen sprechen, das, was sich uns aus unseren Beobachtungen ergibt, die über einen beschränkten Zeitraum gemacht wurden, in eine Zeitepoche, die noch Millionen von Jahren voraus liegt. Das ist für den Geistesforscher dann ebenso, wie wenn er ausrechnen soll, welche Beschaffenheit das menschliche Herz haben wird nach dreihundert Jahren.
Das ist es, worauf man kommt, wenn man die gewöhnliche wissenschaftliche Methode umwandelt in Erlebbares. Denn, sehen Sie, der Mensch ist tatsächlich wie ein Extrakt des ganzen Kosmos. Im Menschen findet man — irgendwie verändert, irgendwie extrahiert, kompensiert oder dergleichen - das, was im Kosmos als Gesetz vorhanden ist. Sie werden mich fragen: Ja, wie kannst du Schwärmer denn so etwas behaupten, daß die Erde noch nicht in ihrer jetzigen Form vorhanden gewesen sei? Da muß du uns doch einen Weg zeigen, wie man dazu kommt, so etwas zu behaupten.
Ich will, allerdings nur skizzenhaft, charakterisieren, wie man zu solchen Behauptungen kommt, wie ich sie vorgebracht habe. Man entdeckt, indem man das Wollen, das Denken erlebt, wie ich es Ihnen geschildert habe, daß der Mensch wirklich eine Art Mikrokosmos ist. Ich sage das nicht als Phrase, wie es die nebulosen Mystiker sagen, sondern in dem Bewußtsein, daß es mir so klar geworden ist wie nur irgendeine Lösung einer Differentialgleichung, aus vollständig logischer Klarheit heraus. Man entdeckt, daß der Mensch innerlich eine Zusammenfassung, ein Kompendium der ganzen Welt ist. Und geradeso wie in unserem gewöhnlichen Leben wir ja auch nicht bloß dasjenige wissen, was uns eben in dem Augenblick sinnlich umgibt, wie wir, indem wir absehen von dem, was uns in diesem Augenblick sinnlich umgibt, hinblicken auf das Bild von etwas, was wir erlebt haben vor etwa zehn oder fünfzehn Jahren, wie das vor uns auftaucht als etwas, was nicht mehr vorhanden ist — es ist aber etwas von ihm in uns vorhanden, was uns ermöglicht, das, was dazumal vorhanden war, nachzukonstruieren -, so ist es auch mit dem erweiterten Bewußtsein, das durch Umwandlung des gewöhnlichen Denkens und Wollens entsteht. Indem der Mensch tatsächlich verbunden war mit alle dem, was Vergangenheit ist, nur in einem umfassenderen, in einem ganz anderen, in einem geistigeren Sinne verbunden war mit dem, was Vergangenheit ist, als er verbunden war mit Erlebnissen vor zehn, fünfzehn Jahren, die er wieder heraufholen kann aus seinem Inneren, so ist es möglich, wenn das Bewußtsein erweitert wird, daß wir einfach herausfinden, wie aus einer kosmischen Erinnerung, dasjenige, wo wir ja dabei waren, was einfach nicht in uns für das gewöhnliche Bewußtsein weiterlebt, was aber weiterlebt für dasjenige Bewußtsein, das durch die Metamorphose entstanden ist, die ich geschildert habe.
Es ist also nichts anderes als eine Erweiterung, als eine Erhöhung derjenigen Kraft, die sonst unsere Erinnerungskraft ist, wodurch der Mensch innerlich, einfach aus der eigenen Natur, die eine Zusammenfassung des Makrokosmos ist, konstruktiv auferstehen läßt dasjenige, was tatsächlich in einem bestimmten Zeitraum unserer Erde war. Der Mensch sieht dann hin auf einen Zustand der Erde, wo sie noch nicht materiell war. Und während er sonst aus den gegenwärtigen Erlebnissen der Geologie sich irgend etwas konstruieren muß, was in der Zeit gelegen haben soll, sieht er nun hin auf einen Zeitpunkt, wo die Erde noch nicht da war, wo sie in einer viel geistigeren Gestalt war. Er sieht, indem er das, was in ihm lebt, konstruktiv nachschafft, dasjenige, was tatsächlich der Bildung unserer Erde zugrundeliegt.
Und ebenso ist es mit dem, was in einer gewissen Weise als etwas Konstruktives in uns von einem Zukunftszustand der Erde auftauchen kann. Ich weiß, wie unbefriedigend eine solche skizzenhafte Schilderung sein muß, doch Sie können daraus sehen, daß das nicht aus blauem Dunst oder aus der Phantasie geschöpft ist, was ich als Geisteswissenschaft charakterisiere. Es ist natürlich etwas Ungewohntes. Aber dann, wenn man einmal die Metamorphose des Bewußtseins vollzogen hat, dann ist dasjenige, was man da innerlich konstruktiv darstellt, mit einer ebensolchen innerlichen Klarheit vor dem Bewußtsein wie das, was man in der Mathematik oder in der Geometrie vor das Bewußtsein hinzaubert, was ja auch aus dem Inneren des Menschen heraus konstruiert ist.
Und wenn dann jemand kommt und sagt: Ja, du mußt aber doch etwas behaupten, was alle Menschen einsehen können -, so sage ich: Jawohl, so ist es auch, aber es handelt sich zunächst darum, daß derjenige, der etwas einsehen will, zuerst alles das durchmachen muß, was dazu notwendig ist - so wie derjenige, der eine Differentialgleichung lösen will, erst das durchmachen muß, was ihn dann dazu befähigt, sie lösen zu können.
Und wenn auf der anderen Seite eingewendet wird: Ja, das Mathematisch-Geometrische stellt vor das Bewußtsein nur etwas hin, was wir anwenden, wenn wir die Realität der Außenwelt verfolgen -, dann sage ich: Ja, das ist so, aber wenn wir das konstruktiv vor uns hinstellen, dann gelangen wir zu der Überzeugung, daß es ein bloß Formales ist. Wenn man das Charakterisierte im Bewußtsein hat, weiß man: es ist eine Realität. Und wenn jemand sagt, das sei vielleicht eine Selbstsuggestion, dann sage ich: Alles, was uns die Möglichkeit gibt, überhaupt zu sagen, etwas ist real, das ist nur ein Ergebnis des Erlebens. Und wenn manche Leute einwenden, es könne sich jemand täuschen, es könne jemand zum Beispiel den lebhaften Gedanken an Zitronensäure fassen, die er trinkt, und wenn er sensitiv ist, könne er sogar den Zitronengeschmack haben -, so sage ich: Das ist möglich. Aber so, wie man im gewöhnlichen Leben die bloß gedachte Hitze unterscheiden kann von jener Hitze, die auf einen wirkt, wenn man wirklich ein heißes Eisen berührt, ebenso kann man durch innerliches Erleben, wenn man das schauende Bewußtsein hat, unterscheiden zwischen dem, was bloß Phantasie, was bloß Suggestion ist, und dem, was Realität ist, denn das Ergreifen aller Wirklichkeit ist ein innerliches Erleben. Und es ist notwendig, daß man die Dinge bis zum Ende verfolgt, nicht irgendwo stehenbleibt. Wer da stehenbleibt, wo eigentlich der Weg weiterführen sollte, der unterliegt vielleicht der Suggestion. Ich sage daher: Es ist allerdings möglich, wenn jemand sensitiv ist und sich der Autosuggestion hingibt, zu sagen: Ich habe den Gedanken an Zitronenlimonade, ich fühle selbst den Geschmack -, aber den Durst wird ihm die gedachte Zitronenlimonade nicht löschen. Es handelt sich darum, daß man von der Geschmacksempfindung zum Durstlöschen übergeht, daß man also den Weg konsequent verfolgt. Das Erleben muß nur konsequent verfolgt werden, dann ist auch das, daß man irgend etwas im geistigen Sinne als Wirklichkeit bezeichnet, durchaus Ergebnis des Erlebens. Es kann die Bezeichnung einer sinnlichen Wirklichkeit oder Realität im Grunde genommen nicht ertheoretisiert werden, sondern sie ist ein Ergebnis des Erlebens.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe Ihnen jetzt jene Geisteswissenschaft charakterisiert, zu der man kommt, wenn man ganz als moderner naturwissenschaftlicher Mensch durch das hindurchgeht, was heute das Leben darbietet. Dieses Leben hat sich ja wahrhaftig in den letzten dreißig bis fünfzig Jahren namentlich durch Umschwünge der Technik außerordentlich verändert. Wenn ich mich selbst zurückerinnere an die Jahre, wo man in Wien die erste Lehrkanzel für Technik einrichtete im Beginne der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts, und [bedenke,] was alles seit jener Zeit geschehen ist, dann bekomme ich ungefähr eine Vorstellung, wie sehr sich dieser moderne Mensch verändert hat durch alles das, was hineingezogen ist in unser erkennendes, in unser sittliches, aber namentlich auch in unser soziales Leben. Derjenige, der das ehrlich mitgemacht hat, der nicht aus irgendeinem Vorurteil sagt: Ach was, diese Naturwissenschaft kann uns doch nichts geben! -, sondern der gerade auf den Standpunkt sich stellt: Die Naturwissenschaft kann uns viel geben! -, der gerade ganz mit Herz und Seele bei den Triumphen der neueren Naturwissenschaft ist, der kann dazu kommen, daß das, was der Welt geistig zugrundeliegt, auf die Art erfaßt werden muß, die ich versuchte, Ihnen heute darzustellen.
Dann schaut man wohl zurück in frühere Zeiten der Menschheitsentwicklung und sagt sich: In diesen früheren Zeiten der Menschheitsentwicklung haben die Menschen ja kaum vom Geiste gesprochen. Und die Art und Weise, wie sie vom Geiste gesprochen haben, sie ist traditionell erhalten geblieben in verschiedenen religösen Bekenntnissen, die man heute wahrhaftig, wenn man ganz ehrlich ist und nicht doppelte Buchführung des Lebens führen will, nicht mit den Ergebnissen der gewöhnlichen Naturwissenschaft vereinigen kann. Diese geistigen Erlebnisse, so muß man sagen, sind aus einer ganz anderen Bewußtseinsverfassung der Menschen entsprungen. Das, was wir gelernt haben durch die drei bis vier Jahrhunderte, in denen die naturwissenschaftlichen Methoden heraufgezogen sind, was uns geworden ist als Seelenverfasssung durch die kopernikanische, die galileische Denkweise, durch Kepler, indem wir in der neueren Zeit durchgegangen sind durch alles das, was abgezogen hat die technischen Gesetze aus naturwissenschaftlichen Gesetzen, dadurch haben wir nicht bloß Ergebnisse erlangt, dadurch ist auch die ganze zivilisierte Menschheit in einer gewissen Art erzogen worden. Die ganze Konfiguration der Seele ist eine andere geworden, wahrhaftig nicht, indem wir theoretischer geworden sind, sondern indem wir bewußter geworden sind, indem wir notwendigerweise durch die Entwicklung der Menschheit gewisse instinktive Zustände früherer Zeitalter verlassen mußten. Und wir blicken zurück auf das, was frühere Zeitalter als Geistigkeit empfunden haben, die sich in religiösen Traditionen erhalten hat, und wir sagen uns: Was damals als Geistigkeit da war, das wurde im menschlichen Instinkt erfaßt. Von dem konnte man nicht sagen, daß dazu notwendig sei ein solches Heraufheben des Bewußtseins aus den Methoden der Naturwissenschaft, aus den Methoden des sozialen Erlebens der neueren Zeit. Da sprachen die Menschen so, daß ihnen, indem sie die Naturerscheinungen sahen, gewissermaßen diese Naturerscheinungen den Geist, von dem sie redeten, mitgaben. Wie hat etwa ein alter zivilisierter Ägypter zu der Welt gestanden? Er schaute hinauf, verfolgte den Lauf der Sterne, die Konfiguration des Sternenhimmels. Er sah nicht bloß dasjenige in diesem Sternenhimmel, was Kopernikus, Galilei, Kepler gesehen haben, sondern er sah etwas, was für ihn zugleich ein Geistiges offenbarte. Geradeso wie, wenn ich meinen Arm bewege, ein Seelisch-Aktives dieser Handbewegung zugrundeliegt, so fühlte der Mensch früherer Zeitepochen in dem, was äußerlich geschah, dasjenige, was als Geistiges diesem äußerlichen Geschehen zugrundeliegt, aber instinktiv.
Dann kam die neuere Zeit herauf, die Zeit der Naturwissenschaft. Ich möchte sagen, wir blicken zurück auf eine lange Zeit, die eigentlich erst ihren Schluß erreichte um die Mitte des 15. Jahrhunderts, auf eine lange Zeit der Menschheitsentwicklung, in der die Menschen nicht anders konnten, als dasjenige, was sinnlich um sie herum war, zugleich als Geistiges zu sehen. Wenn wir heute von Aggregatzuständen reden, von festen, von flüssigen, von Luftformen, dann reden wir so, daß wir das Materielle ins Auge fassen. Der alte Mensch, wenn er von dem sprach, was für uns heute die Aggregatzustände sind, so waren das für ihn wohl Elemente, aber diese Elemente waren nicht bloß das Materielle, es war das Geistige, das sich in ihnen offenbarte. Was als materielle Welt den Menschen umgab, war für ihn ebenso der äußere physisch-geistige Ausdruck für das Geistig-Seelische, wie für uns der physische Organismus ein Ausdruck ist für Geistig-Seelisches - aber alles instinktiv. Dieser Weg ist notwendig verlassen worden in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, als die Menschheit überging zu etwas ganz anderem, was dann leitend wurde in der Zivilisation. Die Menschheit ging über zu dem, was das Naturanschauen heraushob aus dem bloßen Beobachten, das ja immer etwas verknüpft ist mit dem instinktiven, mit dem geistigen Schauen der Natur, was sich ja noch in dem Namen «Anschauung» verbirgt. Der Mensch ging über von dem bloßen Beobachten der Natur zu dem, was man nennen könnte experimentierendes Erfassen der Natur.
Seit Bacon und andere gewirkt haben, ist an die Stelle der bloßen Naturbeobachtung das experimentierende Erfassen der Natur getreten. Wir machen im Laboratorium, im physikalischen Kabinett das Experiment, das wir dann auf die technische Arbeit ausdehnen. In dem, was wir selber als Bedingung hervorbringen für irgendein natürliches Geschehen, überschauen wir eben diese Bedingungen. Durch das Experiment sind wir in einer anderen Lage als bei der bloßen Naturbeobachtung. In der Natur kann ich nicht wissen, ob das, was sich mir da enthüllt, sei es für meinen Verstand oder für meine Phantasie, ob das auch irgendeine Totalität ist oder ob ich mich hineinvertiefen muß, viel, viel tiefer, als sich mir zunächst die Sache darstellt. Kurz, trotz allem genauen Beobachten bleibt dasjenige, was ich in der Natur beobachte, wie ein Unbekanntes vor mir. Wenn ich das Experiment vor mir habe, stelle ich die Bedingungen selber her; ich verfolge, wie das eine aus dem andern hervorgerufen wird, und das, was dann noch unbekannt ist, ist im Grunde das, was eigentlich interessiert. Wer ein Experiment zusammenstellt und zuletzt beobachtet, was beobachtet werden kann, der hat eigentlich im Auge das Ergebnis dessen, was aus den für ihn überschaubaren Bedingungen folgt. Es ist im Experiment alles in einer ganz anderen Weise durchsichtig als das, was ich in der Natur beobachte.
Und so haben sich die Menschen allmählich daran gewöhnt, in dem überschaubaren Experiment den Interpreten der Natur zu haben, gewissermaßen das Naturgesetz da zu verfolgen, wo man die Bedingungen seiner Offenbarung selber verfolgen kann. Diese experimentierende Methode ist aber noch immer verknüpft mit einer gewissen inneren Sehnsucht, die früher das Erkennen durch und durch getragen hat. In jenen alten Zeiten, als es noch keine Technik, noch keine Naturwissenschaft in unserem Sinne gegeben hat, war dasjenige, was man als Wissenschaft betrachtete, vor allen Dingen aus der Erkenntnis-Sehnsucht hervorgegangen, aus der Sehnsucht, zu erkennen, zu erforschen, «was die Welt im Innersten zusammenhält», wenn ich mich so ausdrücken darf. Jetzt, nachdem die experimentierende Methode aufgetreten ist, ist es nicht die Erkenntnis-Sehnsucht allein, sondern die Sehnsucht, das nachzuschaffen, was die Natur bildet. Aber es lebt die alte Erkenntnis-Sehnsucht noch fort. Man schafft das nach, was man im Experiment vor sich haben will, um durch das, was man da überschaubar hat, die Natur selber zu enträtseln. So ist mit einer gewissen Selbstverständlichkeit in der neueren Zeit aus dieser experimentierenden Methode die Technik erwachsen, und mit der Technik haben wir eine neue Phase begonnen.
Wir können also sagen: In der Entwicklungsgeschichte der Menschheit haben wir zuerst das von Erkenntnis-Sehnsucht bestimmte Forschen, dann die experimentierende Methode, die in sich aber mit dem Nachschaffen der Natur noch immer die Sehnsucht des alten Erkenntnisstrebens vereint. Indem wir aber übergingen - man braucht nur zu verfolgen, was eigentlich geschehen ist - von dem, was man erleben kann mit dem Experiment, zu dem, was dann aus dem Experiment heraus mit den erkannten Naturgesetzen durch die technischen Gestaltungen geschieht, die so tief eingreifen in das menschliche, in das soziale Leben, da müssen wir uns sagen: Da ist ein Drittes vorhanden, das übergeht von dem, was wir im Nachschaffen der Natur noch haben, zu dem, was nun schaffend im Menschen selber ist. Dieses Schaffende - ich glaube nicht, daß ich zu ganz unempfindsamen Seelen spreche, wenn ich von diesem Schaffenden das folgende sage: Derjenige, der mit jenem eigentümlichen Duktus, mit jener eigentümlichen Seelenverfassung gerade eine technische Schulung durchmacht, der fühlt sich anders in dieser Schulung drinnen als jemand, der etwa eine theologische Schulung, die eine Nachbildung der ältesten Erkenntnismethoden ist, oder eine schon experimentierende naturwissenschaftliche Schulung durchmacht. Wer eine experimentierende naturwissenschaftliche Schulung durchmacht, der wendet das Mathematische, das Geometrische, das Theoretisch-Mechanische, das Phorometrische und so weiter auf das an, was er dort beobachtet. Er rechnet die Natur gewissermaßen nach.
Auf einem ganz anderen Bewußtseinsstandpunkt steht man, wenn man zunächst das vor sich hat, was gewissermaßen ganz innerlich durchschaubar ist: das Mathematische, das Geometrische —, und wenn man das nicht nur im Experiment anwendet, also im Nachbilden der Natur, sondern wenn man es in völlig freiem Schaffen auf die Gestaltung von Maschinen anwendet, Wenn man sieht, daß das, was man erlebt hat als Mathematik, als theoretisch-mechanistische Chemie, hinausdringt in die Gestaltung eines technischen Gebildes, da erlebt man in einer ganz anderen Weise die Welt, als der bloße Naturforscher oder der theoretisierende Techniker sie erlebt.
Was ist der eigentliche Unterschied? Eines berücksichtigt man oftmals nicht. Denken Sie sich einmal, wir bezeichnen im gewöhnlichen trivialen Leben alles mögliche als «wirklich», auch das, was in einem höheren Sinne nicht wirklich ist. Wir nennen eine Rose «wirklich». Ist denn eine Rose in einem höheren Sinne wirklich? Wenn ich sie hier vor mir habe, abgerissen vom Rosenstamm, kann sie nicht leben. Sie kann nur so gestaltet sein, wie sie ist, wenn sie am Rosenstamm wächst, wenn sie aus der Rosenwurzel heraus wächst. Indem ich sie abschneide, habe ich eigentlich vor mir eine reale Abstraktion, etwas, was so, wie ich es vor mir habe, gar nicht bestehen kann. Das ist aber bei jedem Naturgebilde in einer gewissen Weise so. Wenn ich ein Naturgebilde betrachte, selbst einen Kristall, bei dem es noch am wenigsten der Fall ist, kann ich ihn nicht verstehen, wenn ich bloß auf ihn hinschaue, weil er im Grunde genommen ebensowenig aus sich selbst bestehen kann wie die Rose. Ich müßte also sagen: Dieser Kristall ist nur möglich in der ganzen Umgebung, indem er vielleicht in einer Druse herausgewachsen ist in der Gebirgsformation.
Wenn ich aber das vor mir habe, was ich selber geformt habe als ein technisches Gebilde, so stehe ich dazu anders. Das kann man empfinden, sogar empfinden als etwas radikal Bedeutsames im Erleben des modernen Menschen, der aus seiner technischen Bildung heraus hinblickt auf das, was die Technik in dem modernen Leben geworden ist. Wenn ich ein technisches Gebilde habe, das ich herauskonstruiert habe aus der Mathematik, aus der theoretischen Mechanik, da habe ich etwas vor mir, was in sich abgeschlossen ist. Und lebe ich in dem, was im Grunde genommen der Umfang alles technischen Schaffens ist, so habe ich nicht bloß ein Abbild der Naturgesetze vor mir, sondern in dem, was aus den Naturgesetzen heraus zu technischen Gebilden geworden ist, steht tatsächlich etwas Neues vor mir da. Es ist etwas anderes, was da als Gesetze den technischen Gebilden zugrundeliegt, als das, was auch der unorganischen Natur zugrundeliegt. Es ist nicht bloß so, daß die Gesetze der unorganischen Natur einfach übertragen werden, sondern so, daß der ganze Sinn des Gebildes gegenüber dem Kosmos ein anderer wird, indem ich als frei schaffender Mensch das, was ich sonst erlebe, aus der Gestaltung physikalischer oder chemischer Untersuchungen heraus in das technische Gebilde hineinversetze.
Damit kann man aber sagen: Indem die moderne Menschheit dazu gelangt ist, das Technische herausgezogen zu haben aus dem ganzen Umfang des Natürlichen, indem wir lernen mußten in der neueren Zeit, im Gebiet des Technischen so zu leben, daß wir mit dem menschlichen Bewußtsein in einem ganz anderen Verhältnis zum Technischen stehen als zu dem in der Natur Hervorgebrachten, sagen wir uns: Jetzt ist es zum ersten Mal, daß wir vor einer Welt stehen, die nun gewissermaßen seelisch durchsichtig ist. Die Welt der Naturforschung ist in einer gewissen Weise seelisch undurchsichtig; man blickt nicht auf den Grund. Die Welt des Technischen ist so wie ein durchsichtiger Kristall - natürlich seelisch verstanden. Damit ist wirklich eine neue Stufe der geistigen Entwicklung der Menschheit gerade mit der modernen Technik erstiegen. Damit ist etwas anderes eingezogen in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Deshalb haben sich auch moderne Philosophen nicht zu helfen gewußt mit dem, was da in diesem modernen Bewußtsein gerade durch die Triumphe der Technik entstanden ist. Ich darf vielleicht hinweisen darauf, wie wenig die rein philosophische, spekulative Denkweise anzufangen wußte mit dem, was gerade von der Technik her das moderne Menschheitsbewußtsein ergriffen hat. Wir werden ja heute viel mehr ergriffen von dem, was ausgeht von leitenden, führenden Strömungen der Menschheitsentwicklung, als wir glauben. Dasjenige, was heute allgemeines Bewußtsein ist, war noch nicht da, als es noch kein Zeitungswesen gab, als der einzige geistige Verkehr der war, daß die Leute am Sonntag in der Kirche den Pfarrer von der Kanzel reden hörten. Das, was heute allgemeine Bildung ist, das fließt durch gewisse Kanäle von den führenden Strömungen in die breiten Massen hinein, ohne daß man sich dessen bewußt ist. Und so hat im Grunde genommen das, was durch das technische Bewußtsein gekommen ist, im Verlaufe einer sehr kurzen Zeit die Formen der Gedanken der breitesten Massen geprägt; es lebt in den breitesten Massen, ohne daß diese es wissen.
Und so können wir sagen, daß da etwas ganz Neues eingezogen ist. Und da, wo sich ein Bewußtsein ganz einseitig gemacht hat — was wir in Europa glücklicherweise noch nicht erreicht haben -, wo sich ein Bewußtsein ganz einseitig, geradezu besessen gemacht hat von diesem Abgezogenen, da trat eine merkwürdige philosophische Richtung auf, der sogenannte Pragmatismus des William James und anderer, der da sagt: Wahrheit, Ideen, welche bloß Wahrheit sein wollen, das ist überhaupt etwas Unwirkliches. In Wahrheit ist bloß dasjenige Wahrheit, von dem wir sehen, daß es verwirklicht werden kann. — Wir bilden uns als Menschen gewisse Ziele; wir formen danach die Wirklichkeit. Und wenn wir uns sagen: das oder jenes ist nach einem Naturgesetze wirklich —, so bilden wir daraus ein entsprechendes Gebilde. Können wir in der Maschine, in der Mechanik das verwirklichen, was wir uns vorstellen, so ist für uns durch die Anwendung im Leben erwiesen, daß das Wahrheit ist. Aber es gibt keinen anderen Beweis als den der Anwendung im Leben. Und so ist nur dasjenige, was wir im Leben verwirklichen können, wahr. - Der sogenannte Pragmatismus, der alles logische innerliche Verfolgen der Wahrheit ableugnet und eigentlich nur die Bewahrheitung der Wahrheit durch das, was außen sich vollzieht, gelten läßt, figuriert heute in den breitesten Kreisen als amerikanische Philosophie. Und das ist etwas, was auch in Europa einige Leute seit Jahrzehnten, auch schon vor dem Kriege, ergriffen hatte.
Alle diejenigen, die Philosophen sind und noch in den alten Bahnen fortdenken wollen, die wissen nichts anderes anzufangen mit dem, was als neuere Technik, als das Bewußtsein der neueren Technik aufgetreten ist, als den Wahrheitsbegriff überhaupt abzusetzen. Indem sie herausgetreten sind aus dem instinktiven Erfassen der Natur, aus dem experimentierenden Nachschaffen der Natur, zu dem freien Gestalten der Natur, ist ihnen nichts geblieben als das freie äußere Gestalten. Das innere Erleben der Wahrheit, jenes seelische In-sichErleben desjenigen, was als Geistiges die Seele durchziehen kann, das wird damit eigentlich geleugnet, und nur das, was in den äußeren zweckmäßigen Gebilden verwirklicht werden kann, das gilt als Wahrheit. Das heißt, der in der menschlichen Seele sich selber tragende Wahrheitsbegriff ist eigentlich abgesetzt.
Nun, es ist auch eine andere Entwicklung möglich; es ist die Entwicklung möglich, daß wir erleben, wie sich in der eigentlichen Substanz der technischen Gebilde etwas abhebt von dem Natürlichen, in dem jetzt nichts mehr drinnen steckt, was wir erahnen können, sondern nur das, was wir überschauen können. Denn wenn wir es nicht überschauen, können wir es nicht gestalten. Indem wir dies erleben, indem wir uns gerade richtig durchdringen mit dem, was daran erlebt werden kann, muß in uns umso mehr erwachen ein gewisses Bedürfnis. Diese neue Außenwelt, die zeigt sich uns ohne die innere Bewahrheitung der Ideen, die zeigt sich uns ohne das innere Erleben der Ideen. Daher werden wir durch dieses neue Erleben vorbereitet zum reinen Erleben desjenigen, was Geistigkeit ist, desjenigen, was der Mensch, abgezogen von allem äußeren Beobachten, so im Innern erleben muß, wie ich es am Beginne meiner heutigen Betrachtungen versuchte, Ihnen skizzenhaft darzustellen.
Und so glaube ich, daß, weil wir in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit vorgedrungen sind zu einer Anschauung von jener Wirklichkeit, die wir äußerlich überschauen können, wo wir nicht mehr mit Äußerlichkeit irgendein Dämonisches, Gespenstiges sehen können, weil wir dazu gelangt sind endlich, das äußere Sinnliche nicht mehr so deuten zu können, daß wir sagen, es ist uns undurchsichtig und wir können dahinter irgend etwas Geistiges vermuten —, so müssen wir in uns die Kräfte für den Geist durch die eigene Entwicklung der Seele zu finden suchen.
Mir hat es immer so geschienen, als ob ein wirklich ehrliches Erleben jenes Bewußtseins, das uns gerade aus der Technik zukommt, uns auffordert - weil uns sonst das, was mit unserer Menschennatur innig verknüpft ist, geradezu verloren gehen müßte -, dasjenige, was Geistigkeit ist, nun im Innern zu erleben, um so zu dem einen Pol der durchschaubaren Mechanik, der durchschaubaren Chemie dasjenige hinzuzufügen, was nun mit Geistesschau erlangt werden kann, was sich im Geiste vor die Menschen hinstellen kann. Mir scheint, daß es in unserer Zeit notwendig ist, daß sich offenbart die Geistesschau der Anthroposophie, aus dem Grunde, weil wir eben eine bestimmte Entwicklungstufe in der Menschheitsgeschichte erlangt haben.
Und ein anderes, verehrte Anwesende, kommt noch hinzu: Mit dieser neueren Technik ist zu gleicher Zeit ein neues soziales Leben heraufgezogen. Ich brauche es nicht zu schildern, wie gerade die moderne Technik den modernen Industrialismus geschaffen hat, wie diese moderne Technik das moderne Proletariat hervorgebracht hat in der Gestalt, wie es heute ist. Aber mir kommt es vor, daß, wenn man sich nur auf den Standpunkt der früheren wissenschaftlichen Methode stellen will, auf den Standpunkt desjenigen, was aus der Beobachtung hervorgeht, dann unsere Gedanken zu kurz werden. Wir kommen nicht dazu, dasjenige zu umfassen, was im sozialen Leben wirklich sich offenbart. Um zu erfassen, was im sozialen Leben aus dem Menschlichen hervorgeht, dazu ist notwendig, daß wir zu Wahrheiten kommen, die sich nur durch die Menschennatur selber offenbaren. Und so glaube ich, daß der Marxismus und andere ähnliche Quacksalbereien, die heute die Menschen in solchen Aufruhr versetzen, nur wird überwunden werden können, wenn man besondere Methoden, die gefunden werden als notwendigen Gegenpol zur Technik, anwendet auf das, was soziales Leben der Menschen ist, und wenn man dadurch wird hineintragen können in das äußere Leben, in die breiten Massen Geistigkeit, weil man selbst diese Geistigkeit durch inneres Erleben gefunden hat.
Deshalb ist es nicht ein Zufall, daß aus demselben Grund und Boden heraus, aus dem sich mir die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ergeben hat, auch das erwachsen ist- für mich wahrhaftig ungesucht —, was ich darzustellen versuchte in meinem Buche «Die Kernpunkte der Sozialen Frage». Ich versuchte einfach die Konsequenzen zu ziehen aus dem, was geisteswissenschaftliches Erkennen ist für das soziale Leben. Und es ergab sich mir das ganz von selbst, was ich in diesem Buche dargestellt habe.
Ich glaube nicht, daß man ohne Geisteswissenschaft die Methoden finden kann, die erfassen, wie Mensch zu Mensch steht im sozialen Leben. Und ich glaube, daß, weil wir heute noch nicht dazu gelangt sind, das soziale Leben zu erkennen, sich dieses Leben selber von uns nicht bezwingen läßt und daß wir deshalb in dem Moment, wo nach der furchtbaren Kriegskatastrophe die Menschen vor die Notwendigkeit gestellt sind, einen Neuaufbau zu vollziehen, zunächst in ein Chaos hineingekommen sind. Es ist notwendig, das, was vollzogen werden soll, aus geistigen Gesetzen heraus zu vollziehen, nicht aus demjenigen Gesetz heraus, das ein mißverständliches Erkennen glaubt, auf Naturgesetze begründen zu können, wie es im Marxismus und anderen radikalen Ausgestaltungen der sozialen Wissenschaft der Fall ist.
So, meine sehr verehrten Anwesenden, durfte ich wohl gerade vor Ihnen etwas begründen, was für mich im Grunde genommen etwas recht Persönliches ist. Und ich darf sagen: Ich fühle mich, indem ich vor Ihnen gesprochen habe, in diesem Moment zurückversetzt in eine frühere Zeit, in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts, wo wir in Mitteleuropa uns in eine Zeit hineinlebten, die von allen empfunden wurde als eine Zeit des Aufstieges. Wir — diejenigen Menschen, die so wie ich sind, indem sie alt geworden sind - wir sind heute angelangt an einem Zeitpunkt, wo das, was dazumal an Lenzeshoffnungen aufgetaucht ist, in einer gewissen, recht tragischen Gestalt vor unserem geistigen Auge steht. Diejenigen, die zurückblicken auf das, was dazumal wie ein unbesiegbarer Aufstieg erschien, die blicken heute auf etwas zurück, worin sich für viele Menschen etwas offenbart, was doch in vieler Hinsicht ein Irrtum war.
Indem ich zu Ihnen spreche, spreche ich zu Kommilitonen, welche in einer anderen Lage sind. Viele unter Ihnen sind wohl in dem Alter, wo ich jene Lenzeshoffnung erlebt habe; jetzt erleben sie etwas, was sehr unähnlich ist den Phantasien, die dazumal aus den Lenzeshoffnungen heraus vor die menschliche Seele getreten sind. Aber derjenige, der so erfüllt ist von der Möglichkeit und Notwendigkeit geistigen Erkennens wie der, der vor Ihnen spricht, der kann niemals pessimistisch sein gegenüber der Kraft der Menschennatur; der kann nur optimistisch sein. Und deshalb erscheint es mir durchaus nicht als etwas, was ich nicht als ein Mögliches vor meine Seele hinstelle, daß, wenn Sie einmal das Alter erreicht haben, in dem ich heute vor Ihnen spreche, Sie den umgekehrten Weg durchgemacht haben - jenen umgekehrten Weg, der aus der Kraft der menschlichen Seele, vor allen Dingen aus der Geisteskraft der menschlichen Seele, nun wiederum aufwärts führt. Und weil ich an den Menschen glaube aus Geist-Erkenntnis heraus, so glaube ich, daß man nicht reden kann wie Spengler von einem Untergang, einem Tod der abendländischen Zivilisation. Sondern indem ich an die Kraft der Seele glaube, die in Ihnen lebt, glaube ich, daß wir wiederum zu einem Aufstieg kommen müssen. Denn dieser Aufstieg wird nicht von einem leeren Phantom bewirkt, sondern vom menschlichen Willen. Und ich glaube so stark an die Wahrheit der Ihnen geschilderten Geisteswissenschaft, daß ich überzeugt davon bin: Dieser Wille der Menschen kann getragen werden, kann einen neuen Aufstieg bewirken, kann eine neue Morgenröte bewirken. Und deshalb, meine verehrten Anwesenden, möchte ich schließen mit dem Wort, das mir in die Ohren tönte als jungem Studenten, als der neue Rektor für Mechanik und Maschinenbau in Wien seine Rektorats-Antrittsrede hielt, dazumal für Menschen, die auch an einen neuen Aufstieg glaubten, und mit Recht daran glaubten, wenn auch nachher nur einseitig ein technischer Aufstieg, nicht ein sozialer, nicht ein politischer Aufstieg kam. Jetzt aber stehen wir in einem Zeitraum, in dem wir ja, wenn wir nicht verzweifeln wollen, nur an einen Aufstieg denken können, denken müssen. Deshalb sage ich, was jener Mann dazumal zu uns jungen Leuten gesagt hat: «Kommilitonen, ich schließe damit, daß derjenige, der ehrlich empfindet mit der Entwicklung der Menschheit gegenüber dem, was entstehen soll aus aller Wissenschaft, aus aller Technik, daß der nur sagen kann: Immer vorwärts!»
Aussprache
Frage: Was berechtigt uns dazu, wenn wir über die Grenzen des Denkens hinausgehen, die Einheit des Denkens zu verlassen und vom Denken zur Meditation überzugehen?
Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Es handelt sich, wie mir scheint, bei dieser Frage um etwas sehr Bedeutsames, das allerdings in seiner Gänze nur durch gründliche erkenntnistheoretische und erkenntniskritische Betrachtung verständlich gemacht werden kann. Ich will aber versuchen, ein wenig auf das eine oder andere hinzuweisen, das für die Beantwortung dieser Frage in Betracht kommt.
Da darf ich vielleicht aufmerksam machen auf das letzte Kapitel, das ich angefügt habe der zweiten Auflage meines Buches «Die Rätsel der Philosophie», worin ich dargestellt habe den Entwicklungsgang der Philosophie selber und worin ich dann versuchte zu zeigen, wie gerade im gegenwärtigen Augenblick der menschheitlichen Entwicklung die Philosophie an dem Punkt angekommen ist, gewissermaßen aus sich selbst heraus dieses Hinausgehen des Denkens über denjenigen Standpunkt des Denkens zu fordern, der gerade sich einstellt, wenn man an den Grenzen des Naturerkennens angelangt ist. Ich habe dazumal versucht, folgendes zu zeigen:
Die Menschen können, wenn sie die Erkenntnismethoden genau studieren, wie etwa der große Physiologe Du Bois-Reymond dies getan hat, ganz bis zu dem Gesichtspunkt kommen, den Du Bois-Reymond in seiner Rede «Über die Grenzen des Naturerkennens» in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts auf der berühmten Naturforscherversammlung in Leipzig ausgesprochen hat und auch wiederholt hat in der Rede über «Die sieben Welträtsel». Ich will nur kurz darauf hinweisen, daß dazumal Du Bois-Reymond davon sprach, daß man mit der Anwendung desjenigen, was hier «das einheitliche Denken» genannt worden ist, dazu kommt, den sogenannten Laplaceschen Geist auszubilden, das heißt, ein solches Denken über die Materie zu entwickeln, wie es dann möglich ist, wenn man mit den astronomischmathematischen Methoden den Lauf der Planeten eines Sonnensystems zu erfassen sucht.
Wenn man nun durch eine gewisse innere Anschauung den Blick auf das richtet, was sich da in uns selbst vollzieht, wenn man also einmal versucht, das Subjekt zum Objekt zu machen, dann stellt sich heraus, daß dieses Denken, das man da entwickelt, nun nicht bloß etwa so definiert werden kann, daß es da wäre, um irgendeine Außenwelt abzubilden oder um die Tatsachen einer Außenwelt zu kombinieren. Ich muß in dem, was so über das Denken gedacht wird, noch einen letzten Rest jener alten Teleologie sehen, jener alten Zweckmäßigkeitslehre, die überall nicht nach dem Warum fragt, sondern nach dem Wozu, die nicht fragt, wie es kommt, daß die ganze Organisation des Menschen oder irgendein anderer Organismus oder ein Organ wie die Hand in einer bestimmten Weise gestaltet ist, sondern die fragt, wie sich zu einem gewissen Zweck diese Hand eben zweckmäßig gestalten müßte. - Das wird, wenn man sich dessen auch heute nicht mehr bewußt ist oder noch nicht bewußt ist, auch ausgedehnt auf die Betrachtung des Denkens. Man fragt: Wozu ist das Denken eigentlich da? - Man macht sich das nicht immer klar, aber man fragt es unbewußt. Das Denken, so meint man, das Erkennen überhaupt, sei dazu da, daß man eine äußere Welt in sich gewissermaßen hineinsauge, daß man das, was zuerst draußen ist, in seinem Innern habe, wenn auch nur im Bilde. Nun aber kann man realistisch, aber natürlich geistig-realistisch verfolgen, was das Denken eigentlich ist. Dann merkt man, daß dieses Denken durchaus eine reale Kraft ist, die uns selber gestaltet.
Sehen Sie, diese Geisteswissenschaft, von der ich hier spreche, ist nicht eine abstrakte Theorie, nicht irgend etwas, was nur eine Weltanschauung in Ideen sein will. Unter anderem habe ich in der letzten Zeit hier einen pädagogischen Kursus gehalten, in dem ich versuchte, die Geisteswissenschaft auf die Pädagogik anzuwenden. Es war ein Kursus für die Lehrerschaft, bevor die Waldorfschule begründet wurde. Außer diesem pädagogischen Kursus habe ich auch einen Kursus gehalten, der versuchte, aus der Geisteswissenschaft heraus das Therapeutische der Medizin zu ergreifen und zu zeigen, wie gerade aus geistigem Forschen Lichter fallen können auf dasjenige, wozu man eigentlich niemals vollständig gelangt, wenn man nur mit den heutigen Methoden der Physiologie und der Biologie forscht. Nun, ich möchte Ihnen nicht etwas speziell Therapeutisches sagen, aber ich möchte doch eines erwähnen, um die Methode zu charakterisieren, das ist, daß ja heute in der gebräuchlichen Philosophie eigentlich immer nur spekuliert wird über den Zusammenhang des Geistig-Seelischen mit dem Leiblich-Körperlichen. Da gibt es allerlei Theorien über Wechselwirkungen, über Parallelismus und so weiter, allerlei materialistische Deutungen der Seelenvorgänge. Aber man hat eigentlich immer in einer gewissen Abstraktion vor sich auf der einen Seite « Beobachten des Geistig-Seelischen, auf der anderen Seite das des Leiblich-Physischen, und man spekuliert dann, wie diese beiden miteinander in ein Verhältnis kommen können. Geisteswissenschaft studiert wirklich methodisch — aber eben mit demjenigen Denken, das da erweckt wird -, wie das Seelisch-Geistige im Leiblich-Physischen wirkt. Und auch wenn ich mich vielleicht manchem Mißverständnis aussetze, daß das, was ich sage, als paradox genommen wird, will ich eines herausheben:
Wenn wir das Kind beobachten, wie es heranwächst bis zum Zahnwechsel um das siebente Jahr, dann merken wir, daß nicht nur dieser Zahnwechsel sich vollzieht, sondern daß da auch die Konfiguration des Geistig-Seelischen eine wesentliche Änderung erfährt. Wenn Sie nun zurückdenken in Ihrem eigenen Leben, so werden Sie finden — auch wenn man noch nicht methodisch forscht —, daß die scharf konturierten Gedanken, die sich dann festigen zur Erinnerung und für den Lauf des Lebens sich fortpflanzen, daß diese scharf umrissenen Gedanken aus der Denkkraft heraus erst sich bilden können in der Zeit, in der der Organismus das heraustreibt, was die zweiten Zähne sind - es ist das ja etwas, was aus dem ganzen Organismus, nicht bloß aus dem Kiefer kommt. Verfolgt man das methodisch weiter, so kommt man darauf, sich zu sagen: Geradeso wie etwa bei physikalischen Vorgängen irgendeine Kraftart, etwa mechanische Kraft, verwandelt werden kann in Wärme und man dann sagt: Wärme wird frei, Wärme erscheint, so hat man im menschlichen Lebenslauf zu verfolgen, was im Organismus leibt - der Ausdruck ist uns ganz verlorengegangen - im Zahnwechsel, und was dann frei wird, wenn der Zahnwechsel nach und nach sich vollzieht, was dann aus dem latenten Zustand in den freien Zustand übergeht, was zuerst nur innerlich gewirkt hat. Die zweiten Zähne sind erschienen; da wirkt ein gewisser Kräftezusammenhang, ein Kräftesystem im Innern, bis diese zweiten Zähne entstehen. Dann wird dieser Kräftezusammenhang frei, und er erscheint in seinem Freiwerden als jenes Geistig-Seelische, das dann die scharf konturierten Gedanken der Erinnerung gibt.
Mit diesem Beispiel will ich nur zeigen, wie in der Tat diese Geisteswissenschaft auf Gebiete angewendet wird, an die man heute nicht denkt. Sie ist eine Fortsetzung des Naturwissenschaftlichen. Genau dieselbe Form des Denkens ist es, die man anwendet, wenn man vom Freiwerden der Wärme spricht. Dieselbe Form, die man sich nur erst herausgebildet hat, wendet man dann auf die menschliche Entwicklung an, und man sagt sich: Das, was als Erinnerung, als Denkkraft erscheint, das schiebt die zweiten Zähne heraus - wenn ich mich trivial ausdrücken darf.
Da hat man nicht ein Spekulieren über den Zusammenhang von Leib und Seele, sondern da verfolgt man ganz empirisch, wie man es als Naturforscher gewöhnt ist, nur mit höher entwickelten Denkmethoden, dasjenige, was eben beobachtbar ist. Nur ist das Ganze, was man um sich hat, auch geistig beobachtet. Und so kommt man dazu, nicht mehr in abstrakter, nebuloser Weise über Wechselwirkung von Leib und Seele und Geist zu sprechen, sondern man gibt an, wie in einem gewissen Lebensalter eine Kraft leiblich wirkt, die dann sich als Geistig-Seelisches emanzipiert in einem anderen Lebensalter. Und man gelangt dazu, mit dem Geist hineinzukommen in das Materielle, das Materielle geistig zu verstehen. Das ist das Eigentümliche, daß der Materialismus gerade das Materielle nicht verstanden hat, daß er eigentlich der Materie so gegenübersteht, daß sie unverstanden für ihn bleibt. Der Materialismus hat gerade die Materie nicht verstanden. Die Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, dringt durch ihre geistige Methode gerade zum Verständnis des Materiellen vor. Und es war tatsächlich den zuhörenden Ärzten und Medizinstudierenden [des Kurses für Mediziner] äußerst interessant, daß man ihnen zeigen konnte, wie man nun wirklich dazu gelangt, das Geistig-Seelische wirksam darzustellen im Leiblichen, wie man zum Beispiel darstellen kann, wie eigentlich das Herz in seiner Funktion aus der Geisteswissenschaft heraus in ganz anderer Weise begriffen werden kann als mit den Methoden der heutigen Physiologie oder Biologie.
Also darum handelt es sich, daß in der Tat nicht bloß durch irgendeine phantastische Ausgestaltung, sondern durch ein wirkliches Weiterführen das Denken sich entwickelt, das aber einfach durch einen Grenzzustand oder Kritikzustand durchgehen muß. Bei diesem Durchgehen durch den Grenzzustand wird eben das Denken etwas anderes. Sie dürfen nicht sagen, daß die Einheit des Denkens damit irgendwie zerstört wird. Es wird zum Beispiel die Kraft, die im Eis wirkt, nicht etwas, was nicht mehr sein darf, wenn das Eis zergeht durch Schmelzen und zu Wasser wird. Und die Kraft, die im Wasser wirkt, wird nicht etwas anderes, wenn das Wasser durchgeht durch den Siedepunkt und durch die Verdampfung. So handelt es sich darum, daß an dem Punkt, den ich als einen Entwicklungspunkt für das Denken charakterisiert habe, diese Denkkraft durchgeht durch einen solchen Grenzzustand und dann allerdings in einer anderen Form erscheint, so daß sich das Erleben vom früheren Erleben unterscheidet wie Dampf von Wasser. Dadurch kommt man aber dazu, die Denkkraft selbst, das Denken - ich könnte dasselbe auch vom Wollen beweisen - als etwas zu verstehen, was real im Menschen wirkt. Man sieht dann in der Denkkraft, die man später im Leben hat, dasjenige, was im kindlichen Alter im Leibe gewirkt hat. Es wird also gerade in einer merkwürdigen Weise alles zur Einheit.
Ich gebe gerne zu, Geisteswissenschaft kann in manchen Einzelfragen irren. Sie ist am Anfang. Aber darum handelt es sich nicht. Sondern es handelt sich darum, in welche Richtung gestrebt wird. Und so kann man sagen: Es wird versucht, dasjenige, was im Denken sich offenbart, in seiner Gestaltung des Menschen zu beobachten, es zu beobachten als eine reale, den menschlichen Organismus gestaltende, durchbildende Kraft. Es wird das Denken in seiner Realität betrachtet. Deshalb sagt man sich zuletzt: Diejenigen, die noch das Denken erkenntniskritisch so betrachten, daß sie nur ach einem Zweck fragen: Warum ist das Denken so, daß es äußere Sinneswahrnehmungen kombiniert? -, die geben sich einem gewissen Irrtum hin, einem Irrtum, den ich Ihnen jetzt charakterisieren möchte.
Nehmen wir an, das Weizenkorn oder die Weizenähre wächst aus dem Würzelchen heraus durch den Halm; die pflanzenbildende Kraft äußert sich und kann aus dem Samen heraus eine neue Pflanze gestalten, die wiederum bis zum Samen kommt und so weiter. Wir sehen das, was da als Bildekraft in der Pflanze wirkt, kontinuierlich in geschlossenem Fortgang in der Pflanze selbst wirksam von Gestaltung zu Gestaltung, wie Goethe sagt: von Metamorphose zu Metamorphose. So versucht man in der Geisteswissenschaft das Denken, das sich im Menschen äußert, als gestaltende Kraft zu verfolgen, und man kommt dazu, zu sagen: Indem das Denken im Menschen eine gestaltende Kraft ist, kommt auch eine Nebenwirkung zustande, und diese Nebenwirkung, die ist eigentlich erst das gewöhnliche Erkennen. Aber wenn ich das Denken in seiner Wesenheit nach dieser Nebenwirkung charakterisieren will, so tue ich genau dasselbe, wie wenn ich sage: Was interessiert mich, was da in der Pflanze als bildende Kraft durch die Wurzel, die Halme in die Ähre hinaufschießt; das interessiert mich nicht; ich gehe von der Ernährungschemie aus und untersuche, was da im Weizenkorn erscheint als Ernährungssubstanz. - Das ist natürlich auch eine berechtigte Betrachtung des Weizenkornes. Man kann es auch so betrachten. Aber wenn ich das tue, dann sehe ich dabei ab von dem, was eigentlich kontinuierlich in der Pflanzenbildung fortfließt. Und so ist es mit dem Erkennen. In dem, was gewöhnlich von den Erkenntnistheoretikern, von den Philosophen gedacht wird und von denjenigen, die die Naturwissenschaft begrundlagen wollen mit irgendwelchen Betrachtungen, sind dieselben Wirkungen, die auftreten, wenn das Denken, das eigentlich uns gestalten will, nach außen hin sich in einer Nebenwirkung äußert. Das ist so, wie wenn das, was in der Weizenpflanze wächst, nur gedacht wird als Grundlage für die Ernährung eines anderen Wesens. Aber es ist falsch, den Weizen nur auf diese hin zu untersuchen. Das hat mit dem Wesen des Weizenkornes nichts zu tun. Da bringe ich einen anderen Gesichtspunkt hinein.
So ist die Philosophie heute auf einem Holzwege, wenn sie das Erkennen nur untersucht in bezug auf das Auffassen der Außenwelt. Denn das Wesentliche ist, daß das Erkennen eine im Menschen gestaltende Kraft ist und das andere geradezu als Nebenwirkung auftritt. Und diejenige Betrachtungsweise, die das Denken nur in dem Zustand belassen will, in dem es Naturgesetze abstrahiert, Wahrnehmungen sammelt, ist gerade in derselben Lage wie jemand, der behaupten würde, man solle nicht Pflanzenbiologie treiben, um das Wesen der Pflanze kennenzulernern, sondern Ernährungschemie.
Das sind Dinge, an die man heute nicht denkt, die aber eine große Rolle spielen in der Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Zukunft, jener wissenschaftlichen Zukunft, die zu gleicher Zeit auch die Zukunft für eine solche soziale Gestaltung ist, durch die der Mensch im Erfassen des sozialen Lebens durch den Geist auch wirklich eingreifen kann in diese soziale Gestaltung. Denn das scheint es mir gerade zu sein, was zur Katastophe geführt hat: daß wir nicht mehr das Leben meistern, weil wir [nicht daran denken, daß wir] in einen Zustand der Menschheitsentwicklung eingetreten sind, in dem das Leben vom Geiste aus gemeistert werden muß, von jenem Geiste aus, der von innen heraus erkannt wird und dadurch auch das erkennt, was uns in der Außenwelt entgegentritt.
Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, mit solchen Dingen ist man heute in weitesten Kreisen ein Sonderling, ein Schwärmer, und jedenfalls mutet man einem solchen nicht zu, daß er die Außenwelt wirklich realistisch durchschaut. Aber ich glaube doch, daß ich nicht fehlgehe, wenn ich sage: Die Anwendung der Geisteswissenschaft auf die gesamte äußere Welt läßt sich vergleichen mit dem folgenden. Wenn jemand ein hufeisenförmiges Eisen herlegt, da kommt ein Bauer und sagt: Damit werde ich mein Pferd beschlagen. - Ein anderer, der weiß, was das für ein Gegenstand ist, sagt zu ihm: Das ist kein Hufeisen, das ist ein Magnet, der dient zu etwas ganz anderem. — Der Bauer aber sagt: Was geht mich das an, ich beschlage mein Pferd damit. So kommt einem heute diejenige Wissenschaftlichkeit vor, die durchaus nicht zugeben will, daß das Geistige überall im Materiellen lebt. Wer das Geistige im Materiellen ableugnet, gleicht dem, der da spricht wie der Bauer: Was geht mich der Magnet an, ich beschlage mein Pferd mit dem Eisen. — Ich glaube allerdings, daß uns die Erkenntnis davon aufgehen muß, daß wir in allem Materiellen nicht bloß ein Abstrakt-Geistiges, sondern ein Konkret-Geistiges zu erkennen haben, daß wir uns aber dann bequemen müssen, im einzelnen dieses Konkret-Geistige ebenso zu studieren, wie wir das im Materiellen tun, und daß das einen Fortschritt in erkenntnismäßiger und in sozialer Beziehung für die Zukunft bedeuten wird.
Aber es ist leichter, Spekulationsergebnisse und allerlei Philosophien zu äußern über das, was der Geist ist, es ist leichter, Pantheist oder dergleichen zu sein aus Spekulation, als nach dem Muster strenger Naturwissenschaft, nur eben mit der erlebbaren Methode, so wie ich es geschildert habe, die naturwissenschaftlichen Forschungen fortzusetzen und dann dazu zu kommen, [das Geistige im Materiellen zu finden] — geradeso wie man Wärme, auch wenn sie sich nicht äußert, dennoch zur Erscheinung bringt, indem man zeigt, unter welchen Umständen sich das, was latent ist, offenbart. Wenn man diese Methode, die man gewöhnlich anwendet im Äußeren, anwendet und fortsetzt auf das Innere, namentlich aber auf den ganzen Menschen, dann wird man von dem Inneren heraus gerade das Geistige im Materiellen begreifen. Und es wird vor allen Dingen dasjenige erfüllt werden nach und nach, was eigentlich schon seit uralten Zeiten zu uns herüberklingt und was dennoch für den Menschen zu erfüllen eine tiefe Notwendigkeit ist, das, was von dem apollinischen Tempel in Delphi uns immer noch herüberklingt in die Geistesohren: Mensch, erkenne dich selbst! — Und so, wie Philosophen und Theologen von diesem «Erkenne dich selbst» gesprochen haben, so hat auch der mehr oder weniger nach dem Materialistischen hinneigende Naturgelehrte Ernst Haeckel davon gesprochen. Dieses «Erkenne dich selbst» sitzt tief in der Menschennatur, Und die neuere Zeit ist eben an einem Punkte angelangt, wo diesem «Erkenne dich selbst» in konkreter Weise entgegengekommen werden muß.
Mit diesen Andeutungen glaube ich doch gezeigt zu haben, daß es sich nicht um ein Versündigen gegen die Einheit des Denkens handelt, sondern um eine Fortsetzung des Denkens über einen Grenzpunkt hinaus. So wie es nicht unmöglich ist, die Kräfte im Wasser zu einer ganz anderen Offenbarung zu bringen nach dem Durchgehen durch den Siedepunkt, so wird auch nicht gesündigt gegen das, was im kombinierenden Denken mit der Wahrnehmung erlebt wird, wenn man dieses Denken über den Grenzpunkt hinausführt. Es ist ganz selbstverständlich, daß dann eine Metamorphose des Denkens erreicht wird. Aber gegen eine irgendwie geartete Einheitlichkeit des Denkens ist damit durchaus nicht gesündigt worden. Sie werden überhaupt nicht finden, daß man durch die Geisteswissenschaft zur Ablehnung der Naturwissenschaft kommt, sondern man kommt gerade zu einer tieferen Durchdringung. Man kommt gerade zu dem, was ich für besonders wichtig für die Menschheitsentwicklung halte: zu einer das Leben befruchtenden Einführung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in die ganze Weltauffassung, die aber nur dadurch bewirkt werden kann, daß wir von dem geistigen Anschauen des Natürlichen zum reinen Erleben des Geistigen aufsteigen, das sich dann auch in unser Wollen ergießen und in uns zu einer lebendigen Kraft werden kann. Weil es das kann, weil das lebendige Erkennen uns zu gleicher Zeit nicht nur weise, sondern auch geschickter macht, deshalb glaube ich an eine Menschenzukunft, an einen Menschenfortschritt, wenn in der Zukunft mehr, als es bisher der Fall war, hingeschaut wird auf das Geistige im Materiellen, wenn gesucht wird im Materiellen das Geistige, das dann auch übertragen werden kann auf das Soziale, so daß in der Zukunft die Lösung der sozialen Frage uns erscheinen wird als Durchgeistigung des sozialen Lebens, als Durchgeistigung mit demjenigen Geist, den wir gerade als Fortsetzung des naturwissenschaftlichen Forschens uns erringen können.
> Professor Dr. Th. Meyer: Ich bin vollständig mit Herrn Dr. Steiner darin einverstanden, daß die Grenzbegriffe des naturwissenschaftlichen Erkennens nicht die Grenzbegriffe des Seins und der Wirklichkeit sind. Ich habe auch mit warmem und ergriffenem Herzen ihn von den Hoffnungen sprechen hören, die das deutsche Volk auch trotz seines Zusammenbruches für die Zukunft hegen darf. Aber ich habe doch einigermaßen Zweifel in dem Punkte, ob die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gerade die Fähigkeit besitzen wird, zu einer neuen Höhe, zu der Deutschland streben soll, zu führen. Und zwar meine ich, liege das Bedenken in folgendem: Herr Dr. Steiner hat immer wieder betont, daß der Weg in die höheren Welten, von dem er gesprochen hat, durch das Schauen erreicht wird, durch ein schauendes Bewußtsein, durch ein Erleben, und daß dieser Weg durchaus Wissenschaft ist, nicht Phantasie. Dieses innere Schauen hat selbstverständlich das, was in der Logik Evidenz besitzt. Das heißt, man kann das, was ich mit äußeren oder inneren Augen gesehen habe, nicht bestreiten. Ich sehe einen Baum und brauche nicht zu beweisen, daß der Baum da sein muß. Es gibt keinen metaphysischen Beweis dafür, es ist evident, daß der Baum da ist. Herr Dr. Steiner beansprucht nun für sein inneres Schauen diese Evidenz. Das heißt, er sieht die höhere Welt und sieht die Zusammenhänge der höheren Welt, und weil er sie sieht, eben deshalb ist diese höhere Welt da; sie ist unbestreitbar. Ich möchte auch nicht bestreiten, daß die höhere Welt für den, der sie schaut, evident ist. Nur fragt es sich, ob sie für jedermann evident ist, und da habe ich ein Bedenken. Seitdem mir die Anthroposophie bekannt ist, beruft sie sich darauf, daß dieses innere Schauen, dieses schauende Bewußtsein uralt ist, daß es schon lange Menschen gegeben hat, die sich zu der Höhe dieses schauenden Bewußtseins erheben, schon lange in Indien erhoben haben. Daher nimmt auch die Anthroposophie eine ganze Anzahl von Ausdrücken aus dem Indischen auf. Sie braucht für die verschiedenen Geisteserkenntnisse, die sie vermittelt, indische Ausdrücke. Nun liegt aber die Tatsache so, daß Dr. Steiner nun doch wieder behauptet, daß er etwas Neues bringe. Es hat aber doch vor Dr. Steiner eine ganze Anzahl theosophischer Vereine in Deutschland, auch in England gegeben. Herr Dr. Steiner hat ursprünglich diesen theosophischen Vereinen angehört, dann ist er in Widerstreit mit ihnen gekommen und ist aus diesen Vereinen ausgetreten. Er hat eben, weil er in inneren Zwiespalt mit ihnen kam, seine Auffassung der Dinge nicht mehr mit dem Namen Theosophie bezeichnet, sondern eben, weil sein inneres Schauen verschieden ist von dem inneren Schauen der anderen 'Theosophen, es mit dem Namen Anthroposophie belegt. > Da möchte ich nun sagen: Wenn nun das frühere schauende Bewußtsein sich geirrt hat, wenn erst Dr. Steiner das Richtige gebracht hat, wer garantiert mir dafür, daß nun nicht wieder ein anderer kommt und sagt: Dieses höhere schauende Bewußtsein, das Herr Dr. Steiner gebracht hat, ist nicht zum letzten Ziel durchgedrungen. Es kann ein anderer zu einem ganz anderen Ziele kommen. Dadurch wird das Schauen Dr. Steiners subjektiv. Es ist die Anschauung eines einzelnen. Ob man sich darauf verlassen kann, wird doch zweifelhaft. > Das ist mein Bedenken, das sich ergibt in bezug auf das Übersinnliche der ganzen Bewegung, daß da ein verschiedenes inneres Schauen ist. Es dürfte doch gar kein Zwiespalt eintreten zwischen den verschiedenen Schauenden. Ich möchte aber nicht schließen, ohne meinen aufrichtigen und warmen Dank Herrn Dr. Steiner auszusprechen für die vielfachen feinen Anregungen, die er in seiner Rede heute abend gegeben hat.
Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich werde nicht nötig haben, Sie noch allzulange aufzuhalten, denn ich werde nur aufmerksam zu machen haben darauf, daß dem sehr verehrten Herrn Vorredner gerade in dem Wichtigsten, was er als Bedenken vorgebracht hat, doch einiges Irrtümliche unterlaufen ist.
Zunächst handelt es sich darum - ich möchte gewissermaßen vom Ende aus beginnen -, daß ich einiges Irrtümliche richtigstelle. Die Sache ist nicht so, daß dem, was ich Ihnen hier dargestellt habe, andere theosophische Vereine, denen ich angehört habe, mit ihren Lehren vorangegangen sind. So ist die Sache nicht. Sondern ich habe in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts meine Interpretationen der Goetheschen Weltanschauung zu schreiben begonnen. Sie sind dazumal als Einleitung zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners «Deutsche National-Literatur» in Stuttgart erschienen. Wer diese verfolgt, der wird finden, daß der Keim zu alle dem, was ich Ihnen heute vorgetragen habe, durchaus in jenen Einleitungen liegt. Sie werden dann finden, daß ich in meiner «Philosophie der Freiheit» in der ersten Auflage 1894 versucht habe darzustellen, wie der Mensch allmählich durch die Entwicklung seines Denkens bis zu einer gewissen Stufe kommt, und wie dann sich angeschlossen hat daran dasjenige, was dann das diskursive Denken in das schauende Denken hineinführt.
Dann ist es dazu gekommen, in der Zeit so um 1902 in Berlin, daß ich einmal ersucht wurde, in einem Kreise, der sich ein theosophischer nannte, dasjenige vorzutragen, was ich über den Geist zu sagen hatte. Ich hatte dazumal verschiedene Theosophen kennengelernt, aber das, was sie geäußert haben, konnte mich eigentlich nicht dazu veranlassen, diejenige theosophische Literatur mit einiger Aufmerksamkeit zu verfolgen, die bei dieser Theosophischen Gesellschaft üblich war. Und so trug ich eben dazumal das vor, was sich mir selbst aus eigener anschauender Forschung ergeben hatte. Das führte dazu, daß von Leuten in England, die mein Buch «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» gelesen hatten, sehr bald diese Vorträge ins Englische übersetzt wurden und in einer englischen Zeitung erschienen sind. Ich wurde dann aufgefordert, Vorträge zu halten für eine Anzahl von Leuten der Gesellschaft, die sich eben die «Theosophische Gesellschaft» nannte. Ich habe niemals zurückgehalten damit, vor denen, die mich riefen — ob sich diese nun so oder so nannten —, über das zu reden, was ich zu sagen habe. Ich habe aber auch nirgends etwas anderes vertreten als das, was ich aus der eigenen Forschung heraus zu sagen habe. So habe ich auch in der Zeit, in der ich der Theosophischen Gesellschaft angehört habe, nichts anderes vertreten als das, was ich aus eigener Forschung zu vertreten habe.
Daß ich das, was ich vorbrachte, schon damals «Anthroposophie» nannte, das möge Ihnen daraus hervorgehen, daß ich in derselben Zeit - nicht erst später, als ich etwa zu einer anderen Anschauung gekommen war als diese Gesellschaft - auch in einem anderen Kreis von Leuten in Berlin vortragen habe, und ich habe dort kein Jota anderes vorgetragen als gerade das, was ich aus meiner Forschung heraus vorzutragen hatte. Und dort kündigte ich meine Vorträge an - damit die Leute nicht irgendwie im Irrtum sein könnten - als anthroposophische Betrachtungen der Menschheitsentwicklung. Also ebensolange wie irgendein Mensch mich mit der Theosophie in Berührung bringen kann, ebensolange nenne ich meine Weltanschauung «Anthroposophie». Da war niemals ein Bruch. Das ist dasjenige, was ich jetzt nur darüber sagen möchte, um Sie nicht zu lange aufzuhalten.
Nun, sehr verehrte Anwesende, manche Leute sagen ja, wenn man die Philosophiegeschichte studiere, finde man, daß die Philosophen - fangen wir an bei Thales bis hinauf zu Eucken oder anderen - alle möglichen Ansichten aufgestellt hätten und daß sie sich oftmals widersprochen hätten; wie könne man da zu einer Sicherheit des Erkennens kommen? — Gerade das setzte ich mir in meinen «Rätseln der Philosophie» zur Aufgabe: zu zeigen, daß die Sache sich nicht so verhält, sondern daß dasjenige, was scheinbare Abweichungen in den verschiedenen Philosophien sind, die dieses Namens wert sind, nur immer davon herkommen, daß der Eine die Welterscheinungen von einem Standpunkte aus betrachtet, [der Andere von einem anderen Standpunkte aus]. Wenn man einen Baum fotografiert von einer Seite, so hat man das, was man auf dem Bilde sieht, nur von einer bestimmten Seite. Fotografiert man den Baum von einer anderen Seite, so bekommt man ein ganz anderes Bild - und doch ist es derselbe Baum. Wenn man nun darauf kommt, daß viele wirklich wahrheitshaltige Philosophien nicht dadurch sich unterscheiden, daß die eine von der andern abweicht, sondern daß sie einfach von verschiedenen Standpunkten aus ein und dasselbe anschauen, weil man überhaupt nicht zu einer [einzigen] Wahrheit kommen kann, dann merkt man, daß das ein Vorurteil ist, wenn man sagt, daß die Philosophien sich widersprechen.
Ich habe es in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» gezeigt, daß das ein Vorurteil ist, wenn man sagt, daß die Philosophen sich widersprechen. Es gibt allerdings solche, die in einem gewissen Widerspruch stehen, allein das sind diejenigen, die sich eben geirrt haben. Man kann nicht daraus, daß zwei Kinder in einer Klasse eine Aufgabe verschieden lösen, sagen, man sei deshalb nicht sicher, wer das Richtige gefunden habe. Man weiß schon, was das Richtige ist, wenn man die richtige Lösung versteht. Also daraus, daß die Dinge verschieden sind, läßt sich nicht ableiten, daß sie falsch sind. Das ließe sich nur ableiten aus dem inneren Gang der Sache selber. Da müßte man schon hinschauen auf den inneren Gang der Sache selber. Und es ist eine äußerliche Betrachtung, wenn man sagt: der Steiner ist ausgetreten aus der Theosophischen Gesellschaft. — Erstens bin ich nicht ausgetreten, sondern, nachdem ich zuerst mit allen Kräften hineingezerrt worden bin zum Vortragen meiner eigenen Weltanschauung, durchaus von nichts anderem, bin ich - ich darf vielleicht vor Ihnen den manchmal verpönten Ausdruck gebrauchen — herausgeschmissen worden, und zwar aus dem Grunde, meine sehr verehrten Anwesenden, weil die «andere Art der Wahrheit», nämlich der Wahnwitz jener Theosophen, die es endlich dahin gebracht haben, einen indischen Knaben zu präsentieren, von dem man behauptete, er sei der neu erschienene Christus; er werde nach Europa gebracht und in ihm sei der wiederverkörperte Christus erschienen. — Weil ich selbstverständlich diese Narrheit als eine Narrheit charakterisierte und weil dazumal diese Narrheit über die ganze Welt Tausende von Anhängern fand, nahm diese Anhängerschaft die Veranlassung, mich hinauszuwerfen. Ich habe mir nichts daraus gemacht. Ich habe jedenfalls nicht geglaubt, daß das, was man sich errungen hat durch inneres Forschen, etwa deshalb unsicher erscheint, weil eine Gesellschaft, die sich theosophische nennt, einen herausexpediert, eine Gesellschaft, die da behauptet, in dem indischen Knaben verkörpere sich wiederum der Christus.
So äußerlich dürfen solche Sachen nicht betrachtet werden, indem man einfach über das Konkrete hinwegsieht und sagt: Nun ja, da sind verschiedene Ansichten vorhanden. - Man muß schon das, was auftritt, sich etwas genauer ansehen. Und so möchte ich Ihnen doch anheimstellen, wenn Sie einmal Zeit haben - aber Sie würden viel damit zu tun haben -, einmal all die Quacksalbereien, die aufgetreten sind in den sogenannten theosophischen Gesellschaften, zu vergleichen mit dem, was ich von jeher versucht habe, aus guter Wissenschaftlichkeit heraus zu bringen. Ich sage das nicht aus Unbescheidenheit, sondern aus Wirklichkeitserkenntnis der Sache und aus geistigem Ringen heraus. Und bedenken Sie, daß ich selbst heute gesagt habe: In einzelnem kann geirrt werden, aber es handelt sich darum, eine neue Richtung zu zeigen. Es braucht durchaus nicht so zu sein, daß in allen Einzelheiten das absolut Richtige dasteht. So könnte ja durchaus irgendeiner sagen, er schaue ein rechtwinkliges Dreieck an und kriege da alles Mögliche heraus. Dann kommt einmal einer und sagt: Das Hypotenusen-Quadrat [des rechtwinkligen Dreiecks] ist gleich der Summe der beiden Katheten-Quadrate. - Da kann man nicht sicher wissen, ob es allgemein richtig sein könnte, weil er es nur allein sagt. Nein, wenn einem aus den inneren Gründen es sich aus der Anschauung des Mathematischen ergeben hat, daß das Hypotenusen-Quadrat gleich ist der Summe der beiden Katheten-Quadrate, dann mag eine Million von Menschen sagen, es sei anders, dann weiß ich es und widerspreche einer Million von Menschen. Denn die Wahrheit hat tatsächlich nicht bloß eine äußere Begründung der Übereinstimmung, sondern vor allem auch eine Begründung in ihrer inneren Substantialität.
Gewiß, jeder kann das nachprüfen. Und ich habe nie etwas anderes behauptet, als daß derjenige, der da will, geradeso die geisteswissenschaftliche Methode kennenlernen kann, wie er die Methoden der Chemie kennenlernen kann. Wenn die Dinge aber erforscht sind, dann können sie von jedem denkenden Mensch nachgeprüft werden. Und so kann auch das, was ich sage oder was ich schreibe und geschrieben habe aus der Geisteswissenschaft heraus, von jedem denkenden Menschen nachgeprüft werden. Da werden gewiß mancherlei Irrtümer drinnen sein, selbstverständlich, aber das ist genauso wie bei anderen Forschungen, Es handelt sich nicht um diese Irrtümer im einzelnen, sondern es handelt sich um den Grundcharakter des Ganzen.
Habe ich Ihnen heute einen einzigen indischen Ausdruck gebraucht? Und wenn irgend etwas manchmal dadurch bezeichnet wird, daß man irgendeinen alten Ausdruck gebraucht, so ist das eben ein terminus technicus, den man deshalb gebraucht, weil im gegenwärtigen Sprachgebrauch ein solcher Ausdruck nicht vorhanden ist. Wenn ich auch den pythagoreischen Lehrsatz an der Tafel beweisen kann oder etwas anderes, ist einem deshalb vorzuwerfen, daß das schon vor Jahrhunderten da war? Für mich handelt es sich nicht darum, uralt Indisches oder dergleichen vorzubringen, sondern dasjenige vorzubringen, was sich aus der Sache selbst ergibt. Wie heute derjenige, der den pythagoreischen Lehrsatz begreift und versteht, ihn aus der Sache selbst begreift, trotzdem man ihn in einem bestimmten Zeitpunkt als zuerst auftauchend findet, so muß natürlich manches, aber doch eigentlich nur scheinbar, übereinstimmen mit dem, was schon da war. Aber gerade dagegen habe ich mich immer am allerlebhaftesten gewehrt, daß dasjenige, was hier versucht wird aus dem gegenwärtigen Zeitpunkte des Menschheitsbewußtseins heraus, irgend etwas zu tun habe mit irgendeiner alten indischen Mystik oder dergleichen. Anklänge sind da, selbstverständlich, weil das instinktive Erkennen in uralten Zeiten manches gefunden hat, was heute wieder auftauchen muß. Aber das, was ich meine, ist nicht aus alten Traditionen geschöpft. Das ist wirklich so geschöpft, daß wahr ist, für mich wahr ist, was ich damals niederschrieb, als ich mein Buch «Theosophie» schrieb in der ersten Auflage 1904: Ich will nichts andreres mitteilen als das, was ich durch geisteswissenschaftliche Forschung so erkannt habe, wie man irgendeine andere wissenschaftliche Wahrheit durch äußeres Beobachten und kombinierendes Denken erkennt und wofür ich selber persönlich eintreten kann. — Es mag gewiß mancher anderer Meinung sein, aber ich trage nichts anderes vor als dasjenige, wofür ich persönlich eintreten kann. Das sage ich nicht aus Unbescheidenheit, sondern aus dem Grunde, weil ich als ein Mensch erscheinen möchte, der nicht aus einem anderen Geiste als aus dem Geiste der modernen Naturwissenschaft und auch der neueren Technik heraus eine neue Geisteswissenschaft hinstellen will, und weil ich meine, daß man dieses neue Bewußtsein erst versteht, gerade in naturwissenschaftlicher und technischer Eigenart, wenn man durch beide getrieben wird zur Anschauung des Geistes.
Ich bitte, meine Worte nicht so aufzufassen, als hätte ich dem, was der verehrte Herr Vorredner gesagt hat, ausweichen wollen. Nein, ich bin dankbar, daß mir Gelegenheit gegeben wurde, einige tatsächliche Irrtümer richtigzustellen, die sich sehr verbreitet haben. Aber manches, sehr vieles sogar, von dem, was heute verbreitet wird über das, was ich auch in Stuttgart seit Jahrzehnten vortrage, ist durchaus auf Irrtümern beruhend. Und es schien mir notwendig, was auch anerkennenswerterweise der Herr Vorredner getan hat, etwas einzugehen auf das Vorgebrachte, weil es sich nicht darum handelt, nur das mich persönlich Berührende richtigzustellen, sondern auch etwas, was der Herr Vorredner zusammenbrachte mit dem Substantantiellen der Frage, durch das Historische richtigzustellen.
Frage: Wenn Dr. Steiner mir nur einen Punkt der Geisteswissenschaft so beweist, wie die Lehre des Pythagoras bewiesen werden kann, dann folge ich ihm gerne, dann ist es Wissenschaft.
Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden, wer kann den pythagoreischen Lehrsatz wirklich beweisen? Der pythagoreische Lehrsatz kann nicht dadurch bewiesen werden, daß ich auf die Tafel ein rechtwinkliges Dreieck zeichne, und dann nach einer der üblichen Methoden, der Beweis durchgeführt wird. Das ist nur eine Veranschaulichung des Beweises. Es handelt sich doch darum, daß derjenige, der den pythagoreischen Lehrsatz beweisen will, in die Notwendigkeit versetzt wird, das, was mathematisch konstruierbar ist, in innerer Anschauung vor sich zu haben - wenn eben auch nur in der inneren Anschauung der geometrischen Raumesanschauung. Denken Sie sich also ein Bewußtsein, das diese Raumesanschauung nicht hätte. Das würde nicht das Substantielle jenes pythagoreischen Lehrsatzes vor sich haben, und es würde so gar keinen Sinn haben, den pythagoreischen Lehrsatz zu beweisen. Den pythagoreischen Lehrsatz können wir nur dadurch beweisen, daß wir das Substantielle der Raumesanschauung und Raumesgestaltung vor uns haben. In dem Augenblick, wo wir zu einer anderen Form des Bewußtseins aufsteigen, tritt zu der gewöhnlichen Raumesanschauung etwas anderes dazu. [...] Es handelt sich also beim pythagoreischen Lehrsatz darum, wenn er bewiesen werden soll, daß diese Raumesanschauung zugrundeliegen muß. Dazu ist aber zunächst notwendig, daß man sich gewissermaßen in diese neue Konfiguration des Bewußtseins hineinfindet. Nur, solange man keine Anschaung von der Raumgestaltung hat, kommt man überhaupt nicht zu jenem Konstatieren, das zum Beweise des pythagoreischen Lehrsatzes führt. Und nur so lange glaubt man, daß nicht in derselben Weise die Ergebnisse der geisteswissenschaftlichen Forschung zu beweisen sid, als man noch nicht jenen Übergang vollzogen hat von dem gewöhnlichen Bewußtsein zum erlebenden Bewußtsein, das ich geschildert habe.
Ich bin davon ausgegangen, daß das erlebende Bewußtsein erst da ist. Und so wie derjenige, der nicht eine Raumesanschauung hat, vom pythagoreischen Lehrsatz nicht reden kann, so kann man nicht reden von dem Beweis irgendeines Satzes der Geisteswissenschaft, wenn man die ganze Anschauungsweise nicht zugibt. Aber diese Anschauungsweise ist etwas, was [zuerst] errungen werden muß. Sie ist nicht von selbst da. Unsere Zeit erfordert aber, daß man sich zu etwas völlig Neuem entschließt, wenn man zu diesem Fortschritt der Wissenschaft übergehen will. Und ich glaube allerdings, daß noch sehr vieles überwunden werden muß, bis in breiteren Kreisen für die Geisteswissenschaft so etwas eintritt, wie es damals durch die kopernikanische Weltanschauung eingetreten ist gegenüber allen früheren Vorstellungen von der Unendlichkeit des Raumes. Früher hat man sich da oben eine blaue Kugel vorgestellt. Jetzt stellt man sich vor: es gibt Grenzen des Naturerkennens, die nicht überwunden werden können -, oder: man kann nicht hinaus über das gewöhnliche Denken. - Solche Dinge sind durchaus dem bekannt, der die Geschichte der Menschheitsentwicklung verfolgt. Und ich kann nur sagen: Entweder ist das, was ich versuchte vorzutragen, ein Weg zur Wahrheit — nicht die fertige Wahrheit -, dann wird er schon gegangen werden, oder aber es ist ein Weg zum Irrtum, dann wird er überwunden werden. Aber das schadet nichts. Was aber nicht erlöschen darf in uns, nicht durch voreilige Kritik hinweggefegt werden darf, das ist das immerwährende Streben nach aufwärts und vorwärts. Und nur von diesem Streben ist eigentlich das beseelt, was ich Ihnen heute versuchte zu charakterisieren als den Weg, den die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft einschlagen will.
Frage: Wir müssen den bestimmten Glauben haben, daß die Mühe, die wir aufwenden, sich auch lohnen wird. Ist es überhaupt möglich, das Geistesleben an und für sich zu erkennen? Dr. Steiner sagt, es sei möglich, den Geist der Welt, den Geist alles Lebens und aller Natur zu erkennen und mit ihm in Fühlung zu kommen. Ist das mit unserem Geiste, mit unserem Denken möglich? Ich muß das bezweifeln. Das Denken besteht aus Vorstellungen. Ich denke in Bildern.
Rudolf Steiner: Wollte ich auf die Frage eingehen, so müßte ich Sie ja sehr lange aufhalten. Das will ich nicht und werde ich nicht tun. Ich bedaure nur, daß diese Frage nicht früher gestellt worden ist, dann könnte ich sie gründlicher beantworten.
Sie können in meinen Schriften überall diejenigen Dinge finden, die ich mir hypothetisch einwende und die dort auch besprochen sind, so daß Sie in der Literatur schon eine Behebung Ihrer Zweifel finden können. Hier möchte ich aber nur das folgende sagen: Es ist bei gewissen Menschen so, daß sie durch vorgefaßte Meinungen gewissermaßen es sich unmöglich machen, von der Erscheinung weiterzukommen. Sie weisen auf die Erscheinungen hin und sagen dann: Was dahinter liegt, das erkennen wir nicht. - Der ganze Kantianismus beruht im Grunde genommen auf diesem Irrtum. Und angefangen hat mein ganzes Streben damit, daß ich versuchte, diesen Irrtum zu bekämpfen. Ich möchte Ihnen durch einen Vergleich klarmachen, wie man allmählich zu einer Behebung dieser Zweifel kommen kann.
Wenn jemand einen einzelnen Buchstaben ansieht so kann er sagen: Dieser einzelne Buchstabe weist auf nichts anderes hin als auf das, was seine Form ist, und diese seine Form kann ich nicht auf etwas anderes beziehen; sie sagt mir nichts anderes. - Und wenn ich, sagen wir, eine elektrische Erscheinung anschaue, so ist es geradeso, wie wenn ich einen Buchstaben anschaue, der mir nichts sagt. Etwas anderes ist es aber, wenn ich viele Buchstaben nacheinander anschaue und ein Wort habe, so daß ich dadurch vom Anschauen zum Lesen geführt werde. Ich habe auch nichts anderes vor mir als das, was angeschaut wird, aber ich dringe vor zu dem Sinn. Da werde ich zu etwas ganz anderem geführt. Und so ist es auch richtig, daß, solange man nur einzelne Naturerscheinungen und einzelne Naturelemente erfaßt — Elemente im Sinne von mathematischen Elementen - kann man mit Recht sagen, man dringt nicht ins Innere. Aber wenn man versucht, dann im Zusammenhang alle zu beleben, mit einer neuen Tätigkeit einzusetzen, so wie beim Übergang vom bloßen einzelnen Buchstaben zum Lesen des Wortes, dann wird es etwas ganz anderes Deshalb ist dasjenige, was Geisteswissenschaft sein will, nichts anderes als Phänomenologie, aber Phänomenologie, die nicht dabei stehenbleibt, die einzelnen Phänomene zusammenzusetzen, sondern sie zu lesen im Zusammenhang der Phänomene. Es ist Phänomenologie, und es wird nicht gesündigt dadurch, daß man spekulierend über die Phänomene hinausgeht, sondern man fragt ihnen ab, ob sie nicht nur in Einzelheiten, sondern im Zusammenhang für eine gewisse innerliche Tätigkeit etwas zu sagen haben.
Es ist zu begreifen, daß man, wenn man nur die einzelnen Phänomene anschaut, auf dem Standpunkt stehen kann, auf dem Haller gestanden hat, als er sagte:
> Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist, > Glückselig, wem sie nur die äußre Schale weist.
Aber man versteht auch, wenn jemand so die Phänomenologie erfaßt wie Goethe — und die Geisteswissenschaft ist nur fortgeschrittener Goetheanismus -, daß Goethe angesichts der Worte Hallers sagt:
> «Ins Innre der Natur —» > O, du Philister! > «Dringt kein erschaffner Geist, > Glückselig, wem sie nur > die äußre Schale weist.» > Das hör ich sechzig Jahre wiederholen, > Ich fluche drauf, aber verstohlen; > Sage mir tausend tausendmale: > Alles gibt sie reichlich und gern; > Natur hat weder Kern > Noch Schale, > Alles ist sie mit einemmale. > Dich prüfe du nur allermeist, > Ob du Kern oder Schale seist.»